Reib (XII): Kaputt

Reib (XII): Kaputt

Der Montagabend. Kein Tag wie jeder andere, schon lange nicht mehr. Ansgar trifft zuverlässig unpünktlich um ca. 21:27 Uhr ein, keuchend, die vielen Treppen – den Joint auch erst zur Hälfte aufgeraucht. Seit Monaten macht ihn Reib mehr oder weniger freundlich darauf aufmerksam, dass er diesen doch nicht immer erst beim Betreten des Treppenhauses anzünden muss. Nicht mehr in diesem Leben.

Und dennoch: “Ansgar, wie oft habe ich Dir gesagt, Du sollst nicht im Treppenhaus …”

“So Boxerhandschuhe, die fehlen mir noch, würde es ja liebend gern mal ausprobieren” – er schattenboxt zwei-, dreimal vor Reibs Gesicht – “hier, das habe ich gerade von so einem Knilch beim Kiosk gelernt: ‘Packst Du mein Mädchen an, kriegst Du direkt Faust.’” Erst dann bemerkt Ansgar, dass der vordere Teil seines Joints ebenfalls durch die Luft wirbelt. Da kommt man schnell wieder runter.

“Mann, Ist das ein Mock hier, Reib. Wie bekommt man das denn hin? Im März.”

“Es muss die Sonne …”, Reib deutet auf das große Fenster und die dunkle Straße dahinter, “die hat heute unentwegt aufs Dach geknallt. Auch trocknen meine Sportsachen irgendwie nicht, denn Lüften ist aktuell nicht möglich, da das Fenster irgendwie einen weg hat.”

“Was fehlt dem Fenster denn? Muss man da vielleicht einfach nur den Hebel umlegen?”

“Nene, die Klinke hast Du unweigerlich in der Hand. Das ist es aber nicht. Anscheinend verzogen, der Rahmen.

“Aha.”

“Da ist mir letztens beim Versuch, oben die Gardine anzubringen … naja, was soll’s.“

“Ob Du es glaubst oder nicht, ich habe es jetzt schon bildlich vor mir.“ Ansgar sucht sich seinen Weg durch den stickigen Dachboden: “Immerhin, die Platte klingt, als wäre sie exakt hier aufgenommen worden.“

„Ja, das wollte ich Dir eh sagen, das ist …“

“Wolltest Du mir nicht vorher erstmal was anderes sagen?“

Reib spielt die Situation runter: ”Wüsste nicht was.“

„Wüsstest Du nicht? Ich helfe Dir gerne auf die Sprünge, mein Lieber: Wie heißt sie denn nun?“

Reib schaut etwas zu offensichtlich abweisend zur Seite, wartet einen Augenblick, dann mit stolzer Miene: “Janina.“

„Janina?“

„Ja.“

„Kannst Du noch was anderes?“

Aus Stolz wird schnell Verärgerung: „Ähm, die zwei Buchstaben in der Namensmitte, die hast Du schon mitbekommen, oder?“

„Zwei Buchstaben.“

Jetzt fängt der auch schon so an. „Ja, was meinst Du wie entscheidend die sein können.“

„Sagtest Du nicht letztens was von ‘Ich gehe nicht mehr raus’ – irgendwie in Zusammenhang mit, Moment, gleich habe ich es – ‘Elektrogrill’?“

„Albern sowas.“

„Albern.“ Ansgar macht es sich direkt vor der Musikanlage auf dem alten Teppichboden bequem, bereits sichtlich beeindruckt von dem, was aus den Lautsprechern kommt („Der ist ja mal richtig hinüber“), und pustet den Rauch in Richtung Decke: „Ich bin jedenfalls froh, dass ich Dich nicht schon zu Pubertäts-Zeiten ertragen musste.” Grinsend blickt er zu Reib rüber: “Wobei.“

„Wie, wobei?“

Habe gehört, es soll Leute geben, die diese Phase irgendwie ausdehnen. Vielleicht bist Du da ein geeigneter Kandidat. So oder so, jedenfalls reichen mir auch die Ausläufer.“

„Willst Du etwa behaupten, ich sei sprunghaft?“

„Wie kommst Du denn auf sowas, Reib? Moment, ich fasse Deine Hauptthesen der letzten drei Montags-Runden zusammen:

  1. Jana isses. Für immer und so.
  2. Das Kapitel ‘Frauen’ ist durch. Endgültig.
  3. JaNIna scheint davon allerdings, naja, vielleicht ein etwas irreführendes Wort in diesem Zusammenhang, unberührt zu sein.
    Also gebe ich die Frage doch gerne zurück: Findest Du das sprunghaft?“

„Dieses Kiffer-Gerede immer. Wie erwachsen.“

„Nichts für ungut.”, Ansgar hebt beschwichtigend den Arm, kann sich einen leicht gönnerhaften Blick im Anschluss nicht verkneifen. “Hast Du noch was im Kühlschrank?“

“Schokoladenpudding? Oder Bier? Überhaupt: Hatte ich jemals nichts im Kühlschrank? Dieser Lieferservice ist echt zuverlässig. Habe das jetzt ziemlich raus, welche Taktung da am sinnvollsten ist.“

Während Ansgar weiterhin an den Boxen hängt, wittert Reib seine Chance: „Übrigens, noch mal zu der Platte hier, ich habe einen neuen Lieblings-Kaputten: Willis Earl Beal, irgendwo auf halber Strecke zwischen Beefheart und Daniel Johnston. Gefällt Dir, was?”

Doch Ansgar lässt sich gar nicht beirren: „Janina also“ sagt er betont langsam, während er sich erstmal gegen den Pudding und für das Astra entscheidet. „Bauke hat mir da was geflüstert. Scheinst mal wieder ordentlich Glück gehabt zu haben. Warum auch immer.“

„Tja.“

„Viel mehr würde mir wohl auch nicht einfallen. Hoffentlich kein Mitleid.“

„Ansgar?”

„Ja, ok, der war nicht ganz fair. Wobei ‚nicht ganz fair‘ trifft das ja eh recht gut.“

“Bist ja nur neidisch. Eine Frau würde Dir auch mal wieder gut zu Gesicht stehen.“

“Mir persönlich fehlt ja die Zeit für so eine Art von Hobby.”

“Achja? Nun gut”, und dieses Mal ist es Reib, der das Thema wieder aufgreift, “Janina, sage ich Dir, echt ne tolle Frau. Schon direkt beim ersten Mal habe …“

„Ich hab’s befürchtet, da fragt man sich echt was schlimmer ist: Wenn’s läuft. Oder wenn’s nicht läuft. Und was sagt Jana eigentlich dazu?“

„Ach, die. Wüsste nicht, was sie das angehen sollte. Habe sie jetzt eh ne Weile nicht gesehen. Die kommt mir jedenfalls nicht mehr dazwischen, das verspreche ich Dir.“

„Dein Wort in Gottes – oder so ähnlich?“ Ansgar holt Nachschub, mit einem vollen Bier in der Hand sieht er gleich viel freundlicher aus, denkt Reib. Und dann noch ein „Ich würde es Dir ja echt wünschen“ hinterher.

„Wow, Ansgar, richtig unheimlich hier auf einmal. Wenn Du dann gleich noch den Schokopudding.“

“Wie sieht sie denn nun aus? Ich meine, das muss ja geklärt werden.”

“Hm, lange braune …”

“Jetzt echt? Wie konntest Du Dir das denn merken? Oder habt ihr euch inzwischen wieder gesehen? Erzähle mir bitte nicht, Du könntest Dich auch nur ansatzweise an den Abend erinnern.”

“Darfst Dir gleich gerne selbst ein Bild machen“, jetzt kann Reib seinen Stolz kaum noch zurückhalten, “wenn Dir bis dahin nicht noch zwei weitere Joints den Blick versperren.”

„Wie jetzt?“

“Habe ihr gesagt, sie kann gerne um 23:00 Uhr dazu stoßen, können dann ja noch ein Bierchen trinken gehen. So lernt ihr euch dann auch mal kennen. Und wenn Du dann irgendwann nach Hause kriechst … Du weißt schon. Sie hat morgen jedenfalls frei.” Dabei grinst er lasziv in Ansgars Richtung.

“Ekelhaft, Reib. Dieses Kalkül. Und Du musst morgen mal wieder nicht raus, was?” Er tritt kopfschüttelnd ein weiteres Mal den Weg zum Kühlschrank an, als es auch schon an der Tür klingelt. Die Ansgar ebenso gedankenverloren wie bereitwillig öffnet.

Doch viel zu früh, noch nicht mal halb elf.

Reib weiß, das hier würde nicht gutgehen.
Er lauscht den Schritten auf dem Flur, kennt sie nur allzu gut, er merkt gar nicht, dass er gerade gut einen halben Liter auf einmal verschlingt.

“Hey Ansgar, schön Dich zu sehen. Ich dachte mir schon, dass ihr hier seid. Und da ich zufällig frei bekommen habe morgen” führt Jana fort, “wollte ich spontan mal vorbei schauen. Ihr habt doch sicher nichts dagegen, wenn ich mich eine Weile zu euch geselle, oder?”

“Acousmatic Sorcery” von Willis Earl Beal erscheint am 30.03.2012 via XL (Beggars).

6 Kommentare zu “Reib (XII): Kaputt”

  1. WG sagt:

    Der Alptraum eines jeden Mannes,dieses Ende.

    Earl muss ich mal austesten,klingt zumindest interessant.

  2. Lennart sagt:

    Sehr fein! Und: “Ist das ein Mock hier”… ein Mock? Und sie trinken Astra? Ausgerechnet Astra?

  3. Pascal Weiß sagt:

    Klar, die beiden trinken am liebsten Astra. Meinst Du das hat Auswirkungen auf den Mock?;)

  4. Lennart sagt:

    Ja, nein, ich weiß nicht… also, der Mock, der ist mir einfach neu, nicht geläufig. Und die Erfahrung lehrt: nach 4-5 astra schmeckt’s nicht mehr, das astra. kein bier zum, also, nicht, dass ich… öhm… also, falls jemand von euch tatsächlich glauben sollte, es müsse viel bier getrunken werden, so sollte es kein astra sein. nein.

  5. […] Du eigentlich schon wieder, Reib? Heiße Bräute – jetzt erzähl endlich mal, wie ging die Janina-Jana-Nummer denn nun zu […]

  6. […] Nicht schon wieder. Es ist tatsächlich Jana, die den Laden betritt, Reib erblickt, sichtlich um Fassung bemüht: „Das ist ja wohl das Allerletzte.“ […]

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