Stephin Merritt muss ein herrliches Bild abgeben, wie er in Queer-Bars in einer Ecke sitzt, der Bass lauthals bollert und er Songs schreibt, sich Konzepte ausdenkt, Songs zu den Konzepten schreibt, Konzepte zu Songs. Der kleine, knarzige, dickliche Mann, dessen ironisches Lächeln kaum unter seinem Bart durchscheint.

Und wenn man dann noch um die Songs weiß und deren Eigentümlichkeit aus Pop mit Hang zum Kitsch, weltschmerzbefeuerter Melancholie mit Hang zur Pointe und geschlechtssprengender Ironie mit Hang zum Zynismus, dann verspricht die Vorstellung, Merritt besinge die Liebe im Modus der Unmöglichkeit zu Synthie-Klängen, doch einiges. Nebenbei: Nur raue Gemüter erfreuen sich an Freudeliedern an und über die Liebe, denn viel Umarmender ist das Elend für die Welt, die Freude für sich! Liebe ist da am größten und bestimmendsten, wo sie fehlt. Alles andere ist nur Glück. Das eine tröstet, das andere belästigt, auch wenn es natürlich eine „thin line between love and desire“ gibt.

Das ist einem Stephin Merritt beileibe nichts neues. Schließlich hat er schon die Liebe in 69 Facetten (hier „Stellungen“ zu schreiben wäre albern, oder?) beleuchtet, allen Anfang im „i“ gefunden, alles verzerrt, alle Stecker gezogen hin zum Folk. Die konzeptuellen Richtlinien des zehnten Magnetic-Fields-Albums: Kein Song sieht die Drei-Minuten-Marke. Soll ja nicht langweilig werden. Und die Synthies feiern ihre triumphale Rückkehr, waren sie doch nicht auf den letzten drei Werken vertreten. Das gemahnt natürlich an die Synthie-Pop-Großtaten im Geiste eines Phil Spector, an denen sich der Pop-Songwriting-Genius Merritts formte.

Ganz auf dieses Level kann er die Songs allerdings nicht hieven, auch wenn er nah dran ist: Bei „The Machine In Your Hand“ im treibenden Refrain für die späte Disco und in den stotternden Strophen (Liebe in ihrer Unmöglichkeit und, ähm, Gegenständlichkeit: „I don’t know why I love you/ You’re not really a person/ More a gadget with meat stuck to it“). Bei „Goin‘ Back To The Country“, in dem sehnsüchtig und beschwingt das Landleben besungen wird: „Let Laramie take care o’ me till they bury me“. Bei „Andrew In Drag“, dessen sanftes Pluckern im Refrain hymnisch abhebt (Liebe in ihrer Unmöglichkeit als Liebe zu einem Transvestiten: „A pity she does not exist/ A shame he’s not a fag/ The only girl I ever loved was Andrew in drag“).

Bei einigen anderen Songs, bei einigen Punchlines, bei einigen Witzen, die ihre Wirkung haben: Wortspiele mit Hugh, You und Who in „I’d Go Anywhere With Hugh“. „Born To Love“, ein verzerrter Walzer, in dem Merritt eine(n) „little cutie“ betört, er wäre „born for love“. „Your Girlfriend’s Face“, ein Liebesdrama mit Methamphetamin: Wo einst noch unschuldig „Take Ecstasy With Me“ angeboten wurde, heißt es nun „Bye-bye by crystal meth“. Bei pluckernden Disco-Beats wie bei „Infatuation (With Your Gyration)“ und dem erhabenen „Quick!“. Bei eleganten Balladen wie „I Don’t Like Your Tone“. Bei dem Elektroschunkeler „Mariachi“ dagegen findet Merritt seine Qualität auf unleidlichen Pfaden und suhlt sich in kitschig verzerrter Folklore. Seine Pathosseligkeit mit Hang zum Kitsch in allen Ehren, aber „Mariachi“ klingt wie das „San Fernando“ der Magnetic Fields. Auch wenn dies Stephin Merritt wahrscheinlich als Kompliment empfinden würde, so beleuchtet der Vergleich nur, dass auch pop-kompetente Bands mal unselige und tendenziell nervtötende Schunkeleien abliefern.

Nichtsdestotrotz: „Love At The Bottom Of The Sea“ macht was her und braucht sich im illustren Œuvre der Band nicht zu verstecken. Auch wenn Merritt schon größere Songs geschrieben hat, so ergänzt er doch immerhin sein Werk auf erwartbar galante Art und Weise, was gerade nach dem blassen Vorgängerwerk „Realism“ sehr wohltut und die Freude auf das nächste Konzept unseres liebsten Miesepeters aus der Gay Bar erhöht.

73

Label: Domino

Referenzen: Neutral Milk Hotel, The New Pornographers, The Divine Comedy, Scott Walker, Pet Shop Boys, Burt Bacharach

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VÖ: 02.03.2012

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