Eine altbekannte Geschichte, vielleicht nicht so alt wie die Welt, aber sicherlich seit der Erfindung von Musik, Industrie und Musikindustrie bekannt: Eine junge Band, präferiert aus Hipster-Town (hier: London) kommend, nimmt folkigen Pop auf, spielt melancholischen, verspielten Indie-Folk mit allen möglichen Instrumenten. Herzen werden erobert. Eine Platte erscheint (hier: „Reservoir“ 2006) und langsam erschließt sich die junge Band mit ihrem „sophisticated charm“ immer größere mediale Aufmerksamkeit, das bedeutet vor allem: Verwendung in amerikanischen Fernsehserien.

Vor dem zweiten Album stehen die Zeichen anders: Statt die Aufnahmen selbst finanzieren zu müssen, stützt ein Gigant wie Warner die Band. Mit Ben Allen überwacht ein Produzent mit Meriten wie M.I.A., Gnarls Barkley und Christina Aguilera die Songs. Und schon stößt unsere junge Band die Tür auf zu den Räumen des Lichts, die da sind: Straighte Pop-Songs, fein poliert, wie geschaffen für all die um Distinktion bemühten Feuilletons und tausend Tränendrüsenmomente des US-TVs.

Die Rede ist von Fanfarlo und ihrem zweiten Album „Rooms Filled With Light“. Bei „Reservoir“ wunderte ich mich noch über die andauernden Vergleiche mit Arcade Fire, mutete mir doch der Fanfarlo-Sound eher folkig zart und Belle&Sebastian-liebreizend und -clever als Arcade-Fire-wuchtig und -pathosaffin an. Nun haben sich Fanfarlo einer „self-fulfilling prophecy“ gemäß in den allgegenwärtigen Vergleich ihres Erstwerks verwandelt: Sie klingen wie Arcade Fire (allein schon die Geigen und „Uhuhu“s im stotternden Opener „Replicate“ sprechen eine deutliche Sprache.) Und haben Radio-Hits im Sinne, nicht Weltschmerz.

Das üppige Instrumentarium wird keineswegs getragen von akustischen, sondern von elektrisch verzerrten Instrumenten, von Synthies, Drumcomputern … Da werden Balladen ans Ende der Platte verfrachtet, das schwelgerische Besingen einer Flut im Winter („A Flood“) und ein kurzes Klavierspiel („Everything Resolves“). Im Mittelpunkt von „Rooms Filled With Light“ stehen aber Hits wie „Deconstruction“ und „Tightrope“, deren schwungvoll offensiver Up-Beat schamlos den Indie-Dancefloor anpeilt. „Dig“ geht fast als violinenbeseelter Synthie-Pop durch. Stücke wie „Lenslife“ und „Shiny Things“ brauchen etwas länger, um Fahrt aufzunehmen, tun dies aber wenig überraschend umso mehr, mit knatterndem Saxophon bei „Lenslife“ und mit einem lang gezogenen Refrain in Cembalo-Kaskaden und Trompeten-Tiraden bei „Shiny Things“. Indie-Pop-Hits, maßgeschneidert für den Markt, eingängig, etwas verschroben, stürmisch und leidenschaftlich und tausend Möglichkeiten widerspiegelnd. Kurzum: So, wie wir uns gern denken. Hauptsächlich schräg sind dagegen die drallen Trompeten bei „Tunguska“, während „Feathers“ durch verhaltenes Gitarrenspiel, Krach-Break und Gespensterchor cool und anders ist.

Fanfarlo haben sich keineswegs neu erfunden und gut finden kann man ihren schwelgerischen Reichtum an Ideen und Instrumenten, ihre Opulenz im Einsatz von Stilmitteln und auch ihre neu gewonnene Stringenz allemal. Dafür ist sie ja auch da: Stringenz schafft Eingängigkeit. Hi-Fi gefällt eher als Lo-Fi. Ein Major wie Warner will Hits und bietet Budget. Der etwas fade Beigeschmack der Formel bleibt und seinem Genre vermag „Rooms Filled With Light“ nicht viel hinzuzufügen. Die Hits sind schön und zünden größtenteils, was will man mehr erwarten? Wenn nur dieser Hauch von Überraschungsarmut und Unwohlsein nicht wäre …

66

Label: Atlantic

Referenzen: Arcade Fire, Noah And The Whale, Talking Heads, Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, Belle & Sebastian, Clap Your Hands Say Yeah!

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