Schon irgendwie ungerecht, in Artikeln über Andrew Bird immer wieder den Namen Sufjan Stevens lesen zu müssen. Da es sich bei den beiden aber nun mal um die vielleicht begabtesten, sicher aber verspieltesten und fantasievollsten Singer/Songwriter ihrer Generation handelt, wird vor allem der leider etwas im Schatten seines zwei Jahre jüngeren Kollegen stehende Bird damit leben müssen. Aus dem ewigen Vergleich wird er, solange er nicht etwa zu rappen anfängt, wohl Zeit seiner musikalischen Karriere keinen Ausweg mehr finden.

Die Zeugnisse des unverschämtem Talents beider Songwriter klingen derweil nicht erst seit einer ganzen Weile viel zu unterschiedlich, als dass man den Einen noch gegen den Anderen ausspielen könnte. Während für Sufjan bis dato kein Konzept, kein Experiment zu weit draußen, kein Orchester, keine durchgeknallte Bühnenshow groß genug war und er dabei immer wieder mal drohte, weit übers Ziel hinauszuschießen (was er dank der schieren Liebenswürdigkeit seiner hochambitionierten Spinnereien nur höchst selten tat), besinnt sich Andrew Bird aller gewollten Verkopftheit zum Trotz lieber auf seine zentralen Stärken – die instrumental ausgefuchsten, sich scheinbar unscheinbar einschleichenden Melodien, das markante Geigenspiel und natürlich sein unverkennbaren Pfeifen – , derer er sich ziemlich genau, manchmal vielleicht etwas zu sehr bewusst ist. Damit kommt man nicht in die Jahresbestenlisten der Musikmagazine, zu höchster Anerkennung der Kollegen und unumwundener Verehrung der immer größer werdenden und treu ergebenen Fanschar reicht es aber in jedem Fall.

Mit „Break It Yourself“ wird das nicht anders sein. Und das nicht nur, weil Herr Bird hier wieder so schön pfeift und fiedelt wie auf all den anderen Alben zuvor, sondern vor allem, weil er hier so befreit aufspielt, wie bisher nur selten und zu keiner Zeit Gefahr läuft, Schönklang und Virtuosität mit Eitelkeit zu verwechseln. Stand die übergeordnete und grundsätzlich natürlich begrüßenswerte Konzeptualität dem Vorgänger „Noble Beast“ vielleicht noch an der einen oder anderen Stelle im Weg, so schafft sich der Geigenmann hier das selbstverständlich alles andere als schnörkellose Popalbum, das sich viele schon immer von ihm erhofft hatten. Zwar macht Bird auch diesmal keinerlei Anstalten, den Hörer aus seinen lyrischen Ergüssen wirklich schlau werden zu lassen, geradliniger als in den eigentümlichen Tierweltbeobachtungen des Vorgängers geht es auf „Break It Yourself“ aber definitiv zu. Musikalisch mag einem das durchaus bekannt vorkommen, denn das Territorium dieses Komponisten ist, obgleich es zu den weitreichendsten und vielfältigsten gehört, die man mithilfe einer klassischen Instrumentierung überhaupt abstecken kann, ein bereits erkundetes. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, in einzelnen Songs seine verschiedenen Facetten repräsentativ auszustellen, sondern vielmehr darum, aus einem breiten Repertoire genau die richtigen Stimmungen, Stilarten, Melodien und Arrangements zu fischen, um sie zu bewegenden und im simpelsten und besten Sinne schönen Songs zu verdichten.

Und genau das gelingt „Break It Yourself“ meisterlich. Im Opener geben sich Geige und Gitarre so kokett und traumwandlerisch dem verspielten Paartanz hin, dass es kaum noch zusätzliche Worte braucht. Auf „Danse Carribe“ verzieren wenig subtil kleine Calypso-Sprenkler Birds charakteristisches Gepfeife und das vielleicht poppigste Stück, „Eyeoneye“, bedient sich großspurig aus dem Arcade-Fire-Hymnenbaukasten, ohne dabei in falschem Pathos zu versinken. „Near Death Experience Experience“ lässt derweil Ukulele, Gitarre, Glockenspiel und die sanft gezupfte und gestrichene Violine champagnerreif perlen und in „Lusitania“ krönt außerdem noch die wie immer großartige Annie Clark (St. Vincent) die südstaatensoulige Americana-Wehmütigkeit.

„Break It Yourself“ ist das Werk eines Ausnahmesongwriters und Stilisten, der vieles gesehen, gehört und auch probiert hat, der sich nichts mehr beweisen muss und dessen Begeisterung und Spielfreude dennoch niemals in abgeklärtes Könner- oder Kennertum umschwenkt. Es wird Zeit, Andrew Bird für sein menschenfreundliches Dandytum auch abseits der üblichen Checkerkanäle ausgiebig zu huldigen.

79

Label: Cooperative

Referenzen: Damien Rice, Sufjan Stevens, Final Fantasy, Beirut, M. Ward, Rufus Wainwright, Calexico, Arcade Fire

Links: Homepage | Fansite | Soundcloud

VÖ: 02.03.2012

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