Shoppers: Im Auge Des Orkans


Zwischen den diesmonatigen Alben von Ceremony und The Men und all der Aufmerksamkeit, die ihnen zukommt könnte man glatt glauben, Punkmusik würde erst hörenswert, wenn sie ihren Punk ein Stück hinter sich zurück lässt. Wenn sie ihren Aggressionsfokus zugunsten von Country-Songs entschärft, wenn ihre Protagonisten in gemildertem Krachrahmen vom Älterwerden singen oder, wie im letzten Jahr Fucked Up, sich große Konzeptalben auf die Schultern wuchten. Alles, nur nicht „bloß Punk“.

Das ist natürlich Unfug. Es ist kein Zufall, dass derart in Indie-Zirkeln vielbeachtete Alben auf Indie-affinen Labels wie Matador oder Sacred Bones erschienen sind; so gelangen sie nämlich auch ins Blickfeld jener, die sonst wenig mit derartiger Musik am Hut haben. Eine Menge der besten Punkalben dieser Tage jedoch muss erst einmal mit etwas Suchaufwand gefunden werden, sie erscheint bei kleinen DIY-Labels in geringer Stückzahl auf Vinyl. Eine Verweigerung gegenüber den digitalen Angeboten von iTunes, Spotify & Co., die nicht mit analogem Anachronismus gleichzusetzen ist: Denn gerade Bands und Labels entlang der amerikanischen Ostküste stellen ihre Alben oft selbst zum freien Download oder Stream ins Netz.

So auch Shoppers. Das Trio nahm sein Debütalbum noch in Florida auf, bevor es im 2500 Kilometer nördlicheren Syracuse Residenz nahm – samt des vom Drummer betriebenen Labels, auf dessen Webseite es „Silver Year“ zum Download gibt. Einschmiegsamkeit darf man sich von den mit römisch I bis VIII betitelten Songs darauf nicht erhoffen, „Silver Year“ ist in einem kompromisslosen Rauschsound gehalten, der nochmal einen auf The Mens letztjähriges „Leave Home“ draufsetzt. Ein massiver Orkan aus multiplen elektrischen Gitarrenströmen, von denen die Hälfte nie durch Anschläge ihre Form zu ändern, sondern permanent im Raum zu hängen scheint.

Feedbackfiepen begleitet im wuchtig voranpreschenden „III“ den übersteuerten Gesang Meredith Graves‘, der bei aller Intensität nur in Fragmenten verständlich ist. Fragmenten aus Sex, Gewalt, Blut und Seelenschmerz, die sich unter Studium des Lyrics-Blattes nur noch aufwühlender als Extreme eines Impressionsstrom zeigen. Umso eindringlicher wirkt der klar verständliche Monolog, wenn sie sich in „VII“ von den vorab dokumentierten Körperstrapazen zurückzieht: „First I closed my legs / Then I closed my mouth / Then I closed my heart / Now I’m shutting down.“ Doch Shoppers‘ Musik ist bei aller Körperlichkeit kein düsterer, bedrückender Monolith. Taucht man einmal in diesen wütenden Noiserock-Orkan ein, findet man auch bald sein Auge: „Silver Year“ besitzt im Kern eingängig konstruierte Songs, druckvoll, aber deswegen eben umso mitreißender aufgespielt.

Die voluminöse Krönung setzt dem Ganzen „VI“ auf, das schon seine Hauptattraktion im melodischen Riff gefunden zu haben scheint, über das Grawes überpräsent „Look at me!“ wiederholt. Nach kurzem Breakdown kommt die Band wieder in Gang, nimmt lokomotivartig Tempo auf, wird immer angespannter und schneller, bis sie sich in einem unerschöpfbar wirkenden Ausbruch polternd entlädt. Ein Moment, in dem man es nicht wagt, den heimischen Lautsprecher zu berühren – es hängt eine Andeutung im Raum, als würde man sich damit einen üblen Stromschlag einfangen.

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