“Everyone has ghosts. They follow you, stay with you.” sagt Alejandra Deheza, Sängerin der School Of Seven Bells.

Von den rattenfängerischen Geschäftemachereien der Esoterikbranche und dem, was sich im Buchladen unter diesem Prädikat so tummelt (Der niedere Geist des Anselm Grün), mal abgesehen, sind Geister beileibe nichts Neues: Hinter jedem Knarren und Knackern, für das Hanswurst vom Land keine Erklärung hat, vermutet er Dämonen und Geister. Die erklärende Funktion von Mumpitz hilft, die eigene Unzulänglichkeit erträglich zu machen.

Dabei waren Geister mal die Aliens früherer Zeiten: Jeder glaubt dran, sucht in seinem Glauben nach Beweisen und bemüht den biedersten Handtaschenhokuspokus, um der Ungreifbarkeit gestaltloser Geister Herr zu werden. Dies ist das Unsinnige und zugleich Verzaubernde am Geistermythos: Die Gestaltlosigkeit und die daraus erwachsenden Schwierigkeiten wie Unfass- und Unberechenbarkeit. Wie umgehen mit einer sich nicht korporal manifestierenden Entität? (Oder ist Entität schon zu viel gesagt?)

Die School Of Seven Bells machen ein Album aus Geistern, eine „Ghostory“ eben, in der es um das Mädchen Lafaye und seine Geister geht. Dabei hatten die School Of Seven Bells, 2007 von Benjamin Curtis und den Deheza-Zwillingen Alejandra und Claudia gegründet, ihr eigenes Geistererlebnis zu verarbeiten: Claudia Deheza verließ die Band. Der Musik tut das keinen Abbruch: Ein krautrockig ausgeweiterter, noisiger New-Wave-Sound, von Nebelschwaden des Dream-Pop umhangen, aber mit Disco-Anleihen und garniert mit Alejandra Dehezas flirrenden Stimmen. Beziehungsweise: Etwas mehr 80er-New-Order-Disco-Sound als auf den Vorgängerwerken. Die achtminütige Hymne „When You Sing“ am Ende des Albums mit stetig polternden Drums, einem Monster von Riff und einer herrlich leiernden Synthie-Hookline, während all denen Deheza mehr träumt als singt, und das sich bis zu Schwällen aus Lalala hoch pumpende „Lafaye“ stehen dafür. Aber auch der dunkle Traum von Industrial, „Low Times“, sticht in diese Kerbe. Da wirkt der Opener „The Night“ dagegen mit seinem Up-Beat und den tänzelnden Gitarren im Refrain schon freundlich, wach und verspielt. Die Highlights der langsameren Tracks entstehen dann, wenn sich die Soundschichten langsam auftürmen: „Love Play“ und, noch prägnanter, weil geduldiger aufgebaut, „Show Me Love“.

Das macht „Ghostory“ am Ende gar nicht so vergeistigt, sondern kalt und sinnlich. Kein Grund also, entgeistert abzuwinken: Der Geist beseelten Kraut-Disco-Dream-Rocks geistert gern und mit seinen Gläubigen durch alle Köpfe, so dass er begeistert. (Ähm … Verzeihung …) Denn letztendlich sind Geister nur die gestaltlosen Spiegel unseres Selbst, Verarbeitungen der Vergangenheit, Ahnungen von Zukunft, Kategorien des Selbst, die sich uns nicht so einfach und schon gar nicht durch Vernunft erschließen. Da hilft nur Glaube oder Verzweiflung. Unruhe wird man nicht so einfach los, erst recht nicht durch Geister.

„This restlesness has always been.“, singt Alejandra Deheza in „White Wind“.

77

Label: Full Time Hobby

Referenzen: Blonde Redhead, New Order, Múm, My Bloody Valentine, Beach House, Stereolab

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VÖ: 02.03.2012

2 Kommentare zu “School Of Seven Bells – Ghostory”

  1. Das (durchsichtige) Vinyl erzeugt beim Abspielen einen 1a Hypno-Effekt, sieht immer wieder so aus, als würde es langsamer und schneller werden. Kann mir kaum eine Band vorstellen, bei der das besser angebracht ist.

  2. Bei Radioheads “King of Limbs”-Special Edition ist das auch so. Und nicht weniger sinnig (-:

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