ShearwaterAnimal Joy

Ob Jonathan Meiburg früher einmal die „Abenteuer“-Serie von Enid Blyton gelesen hat? Seine Vorliebe für Tatzen, Flügel und spitze Zähne erinnert frappierend an Jack Trent und Philipp Mannering, die während ihrer für Kinderaugen haarsträubenden Erlebnisse immer einiges an Getier in den Hosentaschen hatten. Meiburg hat auf „Animal Joy“ diese Taschen umgekrempelt, auf der Suche nach verloren gegangener Vergangenheit.

„Animal Joy“ ist nun schon das sechste Album Shearwaters, jener Band, die einstmals unter der Aegide Will Sheffs und eben jenes Jonathan Meiburgs als Nebenprojekt der etwas vehementer auftretenden Band Okkervil River das Licht der Welt erblickte. Sheff ist hingegen zu seinen Wurzeln zurückgekehrt und Meiburg – nun, der eigentlich auch, denn so nah dran an dem ehemaligen Sound der Hauptband waren Shearwater lange nicht mehr.

Es war und ist immer die sonderbare Stimmfarbe Meiburgs gewesen, die Shearwater zu einem Leuchtfeuer im doch immer undurchdringlicher werdenden Dschungel aus folkinfizierten Indierock-Bands hat erscheinen lassen. Diese Stimme, die bebt, sich in den Himmel erhebt und selbst, wenn sie wie im turbulenten „You As You Were“ zehnmal die gleichen Worte nacheinander singt, noch außergewöhnlich wirkt. Diese Stimme, die sich nicht von den eklektischen Stimmungen auf den letzten Alben aus der Ruhe hat bringen lassen und die auch auf „Animal Joy“ jegliche Schattierung mitmachen kann.

Da stehen sich das mit voller Intensität vorgetragene „Breaking The Yearlings“ und das betont empfindsame „Insolence“ gegenüber: Ersteres ist fast schon sensationell reaktionär aufgrund seiner urgewaltigen Ausbrüche (solch eine Vokabel bei Shearwater zu nutzen, klingt schon befremdlich), Zweiteres webt auf sechseinhalb Minuten aus mechanisch wirkender Katharsis Flächen, die sich nach und nach in einen mit Klangfarben erfüllten Raum ergießen. Meiburg trifft hier immer gleich den richtigen Ton, selbst wenn nach der ersten Ruhephase eine fast schon koventionelle Rocknummer wie „Immaculate“ den Lauf der Dinge unterbricht.

Nachdem „The Golden Archipelago“ und vor allem „Rooks“ sowohl mit Stimmung als auch herausragenden Einzelsongs geglänzt haben, fällt es bei „Animal Joy“ schwer, eine Einheitlichkeit festzumachen oder eben diesen einen Moment anzuhalten, der ein Album so besonders macht. Natürlich darf sich hier „Animal Life“ mit seinem euphorischen Refrain Hoffnungen machen, in die Fußstapfen eines „Rook“ zu treten, doch irgendwie sucht man vergebens nach weiteren Hits, die sich ohne Weiteres vom Rest des Albums abheben.

Meiburg versucht sich an einer spannenden Gratwanderung, während er sich darauf zu besinnen versucht, was ihm bei den Songs wichtig erscheint. Doch was könnte es sein? Taugen die Selbstzitate früherer Werke, die sich vielleicht noch am Ehesten als roter Faden durch das aktuelle Album ziehen, um auch „Animal Joy“ in die erste Riege zu befördern? Schafft er sich selbst immer noch ausreichend Distanz zum großen Bruder Okkervil River? Oder findet er in seinen aufgekrempelten Hosentaschen dann doch nur die Fragmente an Erinnerungen, die selbst zu klein und nichtig sind, um sie noch gewinnbringend an das „große Ganze“ zu heften?

Shearwater beantworten keine dieser Fragen erschöpfend, machen aber auf ihrem aktuellen Album so viel richtig davon wie eben möglich, wie es vor allem in der ersten Hälfte des Albums ganz vorzüglich gelingt. Doch irgendwie wünscht man sich dann doch zurück an die Anfangstage der „Sturmtaucher“, als „Animal Joy“ weniger Metapher sondern mehr Gefühl zu sein schien.

71

Label: Sub Pop

Referenzen: Okkervil River, Other Lives, Iron & Wine, Great Lake Swimmers, Damien Jurado

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VÖ: 17.02.2012

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