The War On Drugs in Hamburg: Auslotung der Möglichkeiten


Wie muss heute gute Retro-Musik beschaffen sein? Um das zu erfahren, kann man sich entweder Simon Reynolds‘ im letzten Jahr erschienenes Buch „Retromania“ zu Gemüte führen („Es gilt, “Retro” reflexiv statt als restaurative Aufgabe anzugehen“), oder man besucht ein Konzert, in dem dies anschaulich zu beobachten ist. An einem Freitagabend im Hamburger Molotow fand ein solches statt.

The War On Drugs – Baby Missiles

Zum einen waren da Swearing At Motorists. Eine schon seit den frühen 90ern bestehende Band, und seitdem scheinen sich auch die musikalischen Einflüsse nicht verändert zu haben. Neben einem Schlagzeuger bestand die Band aus einem Sänger, dieser ausgestattet mit E-Gitarre, langen Haaren und 80er-Pornoschnäuzer, anscheinend fest entschlossen möglichst viele Rock’n Roll-Klischees zu erfüllen. Gut gelaunt und mit dem guten Willen, das noch etwas steife und unterkühlte Publikum auf den Hauptact des Abends einzustimmen spielten sie Songs, die zwar ab und an gute Melodien hatten und funktionierten, aber seit den 70ern von vielen Bands hätten gespielt werden können und gespielt wird. Rock mit Rock-Einfluss. Nett, aber langweilig.

The War On Drugs‘ Haupteinflüsse stammen ebenfalls nicht aus jüngerer Vergangenheit, nach den 80ern interessierte die Band wohl nicht mehr viel Neues. Und auch diese vier Musiker verzichten nicht auf den konventionellen Rock’n’Roll-Style. Da wird vor dem Konzert und währenddessen die Bourbon-Flasche herumgereicht, die Kleidung hat eine gute Portion Abgefucktheit, da sieht man lange Haare, Hippiebart und Holzfällerhemd – hier wird sich nicht unbedingt bemüht, den Klischees nicht zu entsprechen. Doch was die Band so viel besser als ihre Vorgruppe macht, besteht aus Kleinigkeiten, aber auch einem wesentlichen Unterschied.

Den wesentlichen Unterschied macht die Musik aus: Anstatt sich nur eines Genretopfes zu bedienen, wird bunt aber passend durchgemischt: Adam Granduciels Gesang schwankt auch live zwischen Bob Dylan und Bruce Springsteen, kommt aber nicht an die Klasse beider heran. Das macht aber nichts, denn die Stimme hat im Gegensatz zum Album live viel weniger Bedeutung. Die Shoegaze-beeinflusste Instrumentierung ist bei diesem Konzert das Wesentliche, das Keyboard das wichtigste Instrument auf der Bühne. Und so ist man umso dankbarer, dass das Set an diesem Abend hauptsächlich aus Songs des viel besseren zweiten Albums besteht, bei denen der Shoegaze-Einfluss viel mehr zur Geltung kommt.

Die Kleinigkeit, welche die Band zu etwas Besonderem macht ist die Ausstrahlung: Der Sänger mit seinen US-Slang-geprägten Ansagen, in denen er trocken ironische Bemerkungen und Geschichten zum Besten gibt, die drei anderen Bandmitglieder, die schweigend ab und zu amüsiert grinsend einfach nur ihre Instrumente spielen. The War On Drugs strahlen eine Ernsthaftigkeit und gleichzeitig eine feine Ironie aus, die nur Bands zusammenkriegen, die wissen, dass ihre Musik ausreicht, um das Publikum zu unterhalten.

Und dieses ließ sich gut unterhalten. Das immer sehr kühle Hamburger Publikum im gut gefülltem Club lockerte nach dem dritten Song „Baby Missiles“ auf einmal auf, tanzte und wagte auch den einen oder anderen Zwischenruf. Als beim letzten Song vor der Zugabe für den Song „Brothers“ ein zweiter Gitarrist aus dem Publikum gesucht wurde, fand sich nach einigem Zögern („Come on, this song sounds so much better with another guitar!“) auch ein williger Mitspieler, der dann auch dazu beitragen durfte, den Song zu einem Highlight des Abends werden zu lassen. Zuvor hatte sich schon „Your Love Is Calling My Name“ als echtes Brett herausgestellt. Aber leider spielte die Band ihre besten Songs schon zu Anfang, sodass das Konzert nach einer Weile etwas an Spannung verlor – allerdings haben die vier Amerikaner auch noch kein so großes Songrepertoire. Man darf sich auf den weiteren Werdegang und damit verbundene Konzerten freuen, nach diesem Abend hat man den Eindruck, dass im Bereich Retro noch sehr viel möglich ist, geht man ihn denn richtig an.

Noch auf Tour:

20.02. | Frankfurt, Brotfabrik

03.06. | Schorndorf, Manufaktur

04.06. | München, Kranhalle

05.06. | Wien, Arena

09.08. | Haldern Pop Festival

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