Dass Kevin Barnes‘ Kopf eine bunt angestrichene und wild überbordende Welt aus Ideen ist und deren Fluss unaufhörlich und immer verquer ist, dafür bedurfte es eigentlich keiner Beweise mehr. Zehn Alben seiner Band Of Montreal sprechen Bände, viele, exzentrische, hedonistische Bände.

Die Spannungen der aus Athens, Georgia, stammenden und dem Elephant 6-Kollektiv entwachsenen Band ließ Barnes schon immer theatralisch, akzentuiert und bis zur Schmerzgrenze ambivalent musikalisch kulminieren, immer mit großer Pose, aber auch unendlich verkopft und reich an Verweisen und Brüchen. Barnes weiß sein Inneres ohne jede Scham zu inszenieren. Pop im weitesten Sinne von Indie, Glam, Disco, Funk, Folk, Prog, Soul, Avantgarde und tausenderlei Accessoires, immer halb verführend, halb verstörend.

Mit dem 2007er Werk „Hissing Fauna, Are You The Destroyer?“ gelang es Of Montreal, den Mainstream um den glitterbehangenen Finger zu wickeln und an der Schwelle zur Konsensband zu pochen. Anscheinend meint Barnes seitdem, die sperrige und exaltierte Seite seines Schaffens (noch) mehr betonen zu müssen und so folgten ein Konzeptalbum über Sex („Skeletal Lamping“) und ein weiteres, das u.a. eine Kooperation mit der Schwester von Beyoncé enthielt. Beide Werke tendierten zum Ausufern und sagten dem konventionellen Of-Montreal-Popsong (und der ist im Gegensatz zum herkömmlichen Popsong schon vertrackter und wilder) leise Adieu. Das und noch viel mehr macht auch „Paralytic Stalks“.

Dem Wahnsinn käme es gleich, alles aufzählen zu wollen, was in gut einer Stunde an ‚Pop‘-Musik stecken kann. Wir versuchen mal eine grobe Verortung: Songs sind das nur im weitesten Sinne, besonders die abschließenden Stücke wie das seltsame, an Stockhausen-Experimente anknüpfende und in seiner Atmosphäre an dunkle Filmmusik gemahnende „Exorsismic Breeding Knife“ und das finale „Authentic Pyrrhic Remission“. Dieses träumt nach vier Minuten langsam den Traum eines Pop-Songs mit dunkler, prägnanter Piano-Hookline, nimmt zu viele Falsett-befeuerte Wendungen und driftet ins Kakophonische ab, um zu guter Letzt eine kaputte Pianoballade zu werden. Überhaupt: Die coolen Of-Montreal-Disco-Hooklines, wo sind die eigentlich hin? Zugekleistert von Ideen und Brimborium. Von Prog. Von Flöten wie in „Dour Percentage“, dessen cheesy Flow unverschämt und unverkrampft den Hörer umflirrt, bis es schwummrig wird. Prog statt Disco, ernsthaft?

Die Themen der Platte sind persönlich, dunkel und gewalttätig und selbst für Of-Montreal-Verhältnisse traurig. Das federn auch keine schmalzigen Streicher ab, selbst wenn die ersten Minuten des Songs eingängig und fokussiert sind („Spiteful Intervention“). Ach, der Fokus … irgendwann kam er abhanden und das Geschrei wurde größer als das Geschriene. Die bewegenden Momente müssen mit der Lupe gesucht werden und stecken in einigen Stimmungen (wie dem morbide schreitenden Dröhnen von „We Will Commit Wolf Murder“) und einigen Arrangements, in denen sich die tausend disparaten Elemente dann doch irgendwie zu großen Pop-Songs zusammenfügen wie in „Ye, Renew The Plaintiff“, das zaghaft losgroovt, um dann folgerichtig per starrem Riff zu manischen Deklamationen von Barnes und zu ausgiebigem Gitarreneinsatz aka „Gniedeln“ führt. Aber es passt. Nach der Hälfte des Songs wird er ausgeblendet und aus einer verzerrten Stimme heraus beginnt ein scheinbar neuer Song, der natürlich auch abschmieren muss und lauthals vergeht.

Wahrscheinlich ist es genau die Anerkennung, die Barnes sucht, wenn wir vor der schieren Übermacht der sperrigen Wundertüte, die sein Innenleben und dessen musikalischer Ausdruck sind, verzweifeln und kapitulieren. So viel, so disparat. Was bleibt hängen unter dem Bombast? Ich befürchte, nicht allzu viel …

56

Label: Polyvinyl

Referenzen: David Bowie, Traffic, Genesis, Syd Barrett, Xiu Xiu, The Ark, The Fiery Furnaces

Links: Homepage | Facebook | Albumstream

VÖ: 10.02.2012

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum