Patten - GLAQJO XAACSSO

Der Londoner Producer Patten liebt das Mysteriöse. Bis auf das Geschriebene ist wenig über den Mann hinter „GLAQJO XAACSSO“ (gesprochen: glack-geut zack-so) bekannt. Das Label geizt bewusst mit Hintergrundinformationen und auf Pressefotos bleibt das Gesicht des Künstlers verdeckt oder abgeschnitten. Somit ist auch ungeklärt, ob es sich hier um den gleichen Patten handelt, der bereits 2007 ein Platte mit dem Titel „There Were Horizions“ veröffentlichte und anschließend mit einigen Remixen von sich reden machte.

Es bleibt anzunehmen. Doch relevant ist das für die vorliegende Platte genauso wenig wie die Frage, ob die ganze Geheimniskrämerei Resultat marketingtechnischer Überlegungen oder schlicht auf Schüchternheit zurückzuführen ist. Scheint es doch schon schwer genug, die Musik auf „GLAQJO XAACSSO“ adäquat zu beschreiben, ohne in eine seitenlange Namedropping-Arie zu verfallen. Als ein Kind unserer Zeit vermischt Patten nämlich so ziemlich alles, was seit Mitte der 1990er die Bereiche Techno, Ambient und House prägte. Wobei davon auszugehen ist, dass seine musikalische Sozialisation in der Hochzeit der britischen IDM-Welle (der Infosheet spricht passend vom „mid-nineties Warp Records-Sound“) erfolgte. Einer Zeit, in der Künstler wie Autechre, Aphex Twin oder Oval der elektronischen Tanzmusik mit mathematischer Beflissenheit so lange Komplexität einhauchten, bis sie nicht mehr tanzbar war.

Auch die meisten Stücke Pattens dürften nicht zu Tanzflächenfüllern avancieren. Zu gern nutzt er die unter dem Begriff Glitch bekannt gewordene Produktionsmethode, deren zerhackstückelte Ergebnisse dem Tänzer einiges an Körpergefühl abverlangen können. Trotzdem erreichen seine hinkenden Beats selten den Abstraktionsgrad der oben genannten Künstler in ihren ambitioniertesten Stunden, was aber nicht bedeutet, dass er dem durch R´n`B, Dubstep und Eurodance unterfütterten Sound des im letzten Jahr gefeierten Rustie besonders nahesteht. Pattens Musik ist zerstörter, unpolierter und verschrobener.

So wabern im Opener „Ice“ verzerrte Synthieflächen und verfremdete Gitarrenloops über hektisches Beatrepeating und münden nahtlos im technoiden Gestolper des an Autechre erinnernden Zwischentracks „Crown 8vo“. Der anfangs stampfende Beat des folgenden „World Collide“ scheint bewusst an der aufliegenden Synthie-Linie vorbei zu ziehen, um sich gegen Ende in ein stockendes Housestück zu wandeln. „Am/Focus“ spielt wiederum stärker mit Einflüssen aus HipHop und Dubstep, kommt aber ebenso wenig zu Ruhe wie seine Vorgänger. „Blue Mosiac“ wirkt da vergleichsweise fokussiert. Von der flatternden Hi-hat abgesehen, erinnern die Vokalsamples und das  hypnotische Pattern stark an die psychedelisch angehauchte Tanzmusik Caribous, dessen Song „Sun“ Patten einst remixte. Diese Stimmung wird ebenfalls in „Out The Coast“ aufgegriffen, auch wenn der sich ständig überschlagenen Beat hier etwas irritiert. Das auf einem modulierten Loop basierende „Plurals“  hingegen lässt Assoziationen in Richtung des von Boards Of Canada geprägten Ambient-Electro zu.

„GLAQJO XAACSSO“ strotzt also nur so vor jugendlichem Ideenreichtum und Tatendrang, ist gewollt überladen und fordernd. Hektisch, wild und fragmentarisch wird hier zitiert, angerissen und zerschnitten. Dabei ist es der hohen Ereignisdichte und immensen Detailverliebtheit zu verdanken, dass diese mitunter hyperventilierende Rekonstruktion eines nicht mehr ganz frischen Futurismus zur längeren Auseinandersetzung taugt. Wer mit einer gewissen Unstrukturiertheit umzugehen weiß und nicht ständig auf der Suche nach der Zukunft der elektronischen Musik ist, kann mit Patten viel Freude haben.

72

Label: No Pain In Pop

Referenzen: Autechre, Aphex Twin, Flying Lotus, Boards Of Canada, Caribou

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VÖ: 17.02.2012

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