Lana Del ReyBorn To Die

Es ist vielleicht nur eine kurze Episode, doch man sollte ihr zumindest ein klein wenig Aufmerksamkeit schenken. Pop-Musik generierte sich im vergangenen Jahr als ein buntes Potpurri der Stile, ein multioptionales Depot der Möglichkeiten. Ein Blick auf die oberen Ränge der deutschen Charts führte nicht mehr zwangsläufig zu Schamesröte, auch wenn Charts natürlich nach wie vor etwas Furchtbares sind. Dass man trotzdem seinen Spaß damit haben kann, zeigt unser allwöchentlicher Liedschatten.

Ganz oben auf einer Welle weitsichtiger Künstler schwappten Musiker wie Gotye oder Lana Del Rey an die Spitze, die, völlig unpeinlich, Pop in Reinform spielten. Süße Melodien, große Arrangements, kein verschachteltes Labyrinth, alles geht geradeaus. Welche Substanz dahinter steckt, ist erstmal völlig zweitrangig. Zunächst zählt der spontane Eindruck. Dieser setzt sich beispielsweise am herausstechenden Phänotypen der „Erscheinung“ Del Rey fest. Irgendwann muss sich der Blick wieder schärfen: Es läuft Lana Del Reys zweites Album, das im Grunde ein Debüt ist.

„Born To Die“, also. Ein Album, dem man sich mit Samthandschuhen widmet, so unklar ist der Ausgang. Gut, die bereits vorab bekannten Stücke „Video Games“ und „Born To Die“ sind musikalische Meisterwerke, irgendwo zwischen Trailer-Park und Rockstar-Villa. Groß angelegt, immer Trash, immer Hochglanz, von viel Gefühl und Grazie und einer verdammten Portion Fatalismus und Lebensmüdigkeit geprägt. Die genannten Songs nehmen auch im Albumgefüge zentrale Positionen ein, verlieren nie ihre Sensibilität und ihren Hochmut. Doch „Born To Die“ kann mehr: Abgründe ergründen, zum Beispiel. Mal deutlicher formuliert, mal subtiler. Es ist sowohl Hitchcock-Streifen als auch großes Ballett. Die Arrangements sind erhaben, graben manchmal im Fundus wohlfeilen HipHops, was aber durchaus charmant sein kann. Freilich finden sich auf „Born To Die“ auch Stücke, die es nicht gebraucht hätte. Das sich lasziv-kitschig ins Verderben extrahierende „Carmen“ wäre ein Streichkandidat, könnte man sich das Album in Kaiser-Chiefs-Manier selber zusammensetzen.

Doch grundsätzlich ist das schon alles recht stimmig und unterhaltend. Darum geht es ja auch, Unterhaltung. Nicht wahr? Pop-Musik muss auch immer Show sein. Affektiert, exaltiert, großkariert, so wurde sie einst erfunden und so wird sie bis in alle Ewigkeiten, mindestens jedoch bis zum nächsten großen Hype sein. Dass Lana Del Rey ein ebensolcher ist, steht außer Frage. Mit sensationell aus den Rudern geratenen Stücken wie dem zähflüssigen „Radio“ rechtfertigt sie jedoch die in sie investierten Vorschusslorbeeren.

Natürlich muss alles bei Del Rey alles im Überfluss vorhanden sein: Das mag den einen oder anderen Interessierten abstoßen und, zugegeben, manches Mal sind die zwölf Stücke schon extra flauschig. Den Mut etwas wegzulassen, die Fähigkeit zur Subtraktion, all das darf man Elizabeth Grant, so Del Rey mit bürgerlichem Namen, voll und ganz absprechen. „Million Dollar Man“ würde reduzierter sicherlich wirkungsvoller klingen, verliert irgendwann den roten Faden und findet ihn im Reich der Beliebigkeit wieder. Und schon ist es zu spät, um umzukehren. So ergeht es einigen Stücken auf „Born To Die“, wobei dies in manchen Fällen weniger schlimm ist. Die Produktion des Ganzen ist logischerweise auf absolute Radiotauglichkeit getrimmt, wobei das ja schon lange kein gültiger Minuspunkt mehr ist.

„Born To Die“ sitzt als lebender Eklektizismus zwischen allen Stühlen und Stilen, bedient sich selbstbewusst in der Pop-Geschichte, ohne rot zu werden. „Blue Jeans“ verliert sich so beispielsweise in grenzenloser Liebe zu James Dean und den fünfziger Jahren. Hypnotisch und mit Nachdruck schießt sich das Stück ins Jenseits. Dem gegenüber steht mit „This Is What Makes Us Girls“ ein Post-R’n’B-Stomper, der seine Schwingen ausbreitet und durch die Nacht schwebt, vorbei an all den Drakes, Kanye Wests und The Weeknds dieser Welt.

Die Frage, ob „Born To Die“ mehr Substanz hat als andere Pop-Alben, ist nicht eindeutig zu beantworten. Das wäre Quacksalberei und anmutend. Was jedoch festzuhalten ist: „Born To Die“ atmet den Zeitgeist in vollen Lungenzügen und folglich ist nicht auszuschließen, dass Lana Del Rey die Position einnimmt, die James Blake und Bon Iver 2011 hatten. So unterschiedlich diese Künstler auch sein mögen, sie alle eint eine Sogwirkung, die quer durch sämtliche Hörerschichten wirkte. Nur dass sich Del Rey eben gerne lasziv in Szene setzt. Doch wo ist der Unterschied zwischen ihrer gespielten Sexyness und der katalogisierten Backenbärtigkeit fluffiger Indiebands? Wer die Antwort hat, darf sie gerne auf ewig für sich behalten.

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Label: Vertigo

Referenzen: Nancy Sinatra, Madonna, Lady Gaga, Bat For Lashes, Lykke Li, Marina & The Diamonds

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VÖ: 27.01.2012

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