Reib (X): Chrome Maxima & andere Raffinessen fürs erste Date

“Was ist denn nun aus Deiner Offerte geworden?”, fragt Reib, während er mit Bauke durch den Schnee stapft, auf der Suche nach seinem Auto.

“Offerte, das klingt so kaufmännisch. Naja, diese Nummer mit dem großen Schluck, damit kommt man zwar ins Gespräch. Aber sowas habe ich ja nicht immer auf Lager. Insofern mal sehen, was mir dann morgen Abend so einfällt.“

“Ein Date.”

“Ne, nur ein Treffen, Reib. Mehr nicht.”

“Was denn, was denn? Ich glaube die hat Potential.”

“Wenn Du das schon sagst. Vielleicht sollte ich da besser aussteigen.”

“Ach, hier ist es”, Reib steht vor der Fahrertür, mit schadenfrohem Grinsen: “Schau sie Dir doch wenigstens noch mal an, so viel hattest Du doch gar nicht getrunken.”

Das Türschloss gibt ungewöhnlich schnell nach, ganz so, als drücke etwas vehement von innen dagegen. Reib weicht erschrocken einige Meter zurück. Penetranter Geruch, beißend in der Nase.
“Verdammt, was ist das denn?”

“Was ‘n los?”

“Sieht ganz so aus, oder vielmehr habe ich eigentlich noch gar nichts gesehen, aber irgendwas da drin hat auf jeden Fall die besten Tage hinter sich.”

Bauke lacht hämisch vor sich hin, während er sich’s auf der eingeschneiten Motorhaube gemütlich macht und fast erwartungsvoll nachhakt: “Sag nicht, das Bananen-Dilemma.”

“Pass Du besser auf, das gibt ne ordentlich nasse Kiste, wie Du da sitzt. Und verdammt, ja, jetzt schimmert mir einiges. Da war so eine Fahrt zum Supermarkt an einem Spätsommerabend. Hatte irgendwas mit Obstsalat zu tun, glaube ich.”

“Das will ich sehen”, Bauke stützt sich ab, um nach vorne abzufedern, als er den Zettel hinter dem kaum mehr als solchen erkennbaren Scheibenwischer entdeckt: “Na, was ist das denn, Reib, etwa ein Liebesbrief? In Schnee eingelegt? Mann, wie dämlich muss die sein.”

“Was? Zeig mal her.”

“Also eines kann ich Dir sagen: Nach Obstsalat riecht das nicht hier. Zumindest nicht, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne.”

“Deine Kindheit. Hättest ruhig mal etwas mehr Obst zu Dir nehmen können, Bauke.”
Er nimmt das gewellte Papier entgegen, bevor er zur Beifahrertür läuft, zwecks Durchzug: “Verdammter Mist, das ist kein Liebesbrief, von wegen.”

“Wie? Was dann?”

Reib schaut sich um, sieht das Schild: “Na prima. Haben die hier einfach so ein Parkverbot aus meinem Stammplatz gemacht oder was?”

“Das ist nicht Dein Ernst – Du stehst jetzt wochen- bzw. monatelang im Parkverbot?” Bauke öffnet vor Lachen das nächste Astra.

“Da wollen Dir mir schön ans Bein pinkeln. Nicht mit mir. Und viel wichtiger ist jetzt eh Dein morgiges Treffen, Bauke, diesen Zettel lassen wir erstmal hier liegen.”

“Du kannst den doch nicht einfach ignorieren. Die kriegen Dich dran, da musst Du ordentlich draufzahlen. Zudem schleppen die Dich ab.”

“Also die Karre ist eh Schrott. Und wenn Du genau hinsiehst – welches Nummernschild sollten die sich denn notieren?”

“Ich glaub’s nicht. Du…”

“Also, Bauke, das erste Treffen ist die Grundlage, die Basis, die über alles weitere entscheidet. Da muss man sehr bedächtig vorgehen. An dieser Stelle Fehler zu machen, das bekommst Du nie wieder ausgebügelt.”

“Wie schön Du das ausschmückst, Reib – ’ausgebügelt’ …”

“Die Messlatte keinesfalls zu hoch ansetzen, hörst Du? Und ganz wichtig: danach nie wieder anheben.”

“Warum das denn?”

“Alte Schule. Um diesem schleichenden Prozess vorzubeugen.”

“Schleichender Prozess, soso.”

“Noch was für Dich. Zieht immer.”

“Ich kann’s echt kaum erwarten.”

Nick Drake – Northern Sky

Reib sucht das Band, eine alte Chrome Maxima: “Ich habe es ‘Womanizer’ getauft – ein von mir selbst zusammengestelltes 90-Minuten-Mixtape. Allerdings ist das Band an einigen Stellen, naja, leicht abgenutzt.”

“Wie lange hast Du das denn schon in Betrieb?”

“Ne ganz sichere Sache, sag ich Dir.”

“Du bist echt der klassische Trainer, Reib.”

“Häh?”

“Ich habe früher Tennis gespielt, als ich klein war. Da gab es auch so einen. Konnte Dir geduldig und akribisch jede kleinste falsche Bewegung beim Aufschlag erklären. Das war damals mein absolutes Vorbild. Bis ich ihm einmal mit 12 bei den Stadtmeisterschaften zugesehen habe: Gegen so ne Wurst verloren. Und weißt Du warum? Zwei Doppelfehler pro Aufschlagspiel.”

“Du bist vielleicht ein Kollege. Ich will Dir helfen …”

“Ich sag’s ja nur. Weil sooo gut scheint das mit Jana ja auch nicht zu laufen, oder?”

“Was hat die denn damit jetzt wieder zu tun? Bin ja nicht mal mit ihr zusammen.”

“Ne, nach zehn Jahren immer noch nicht. Tolle Taktik, dieses Messlatten-Ding. Geht voll auf.”

“Du machst einen entscheidenden Fehler, Bauke. Wichtig ist immer: nicht absolut denken. Sondern: im Verhältnis zu.”

“Wo ist denn nun dieses ominöse Mixtape?”

Reib taucht kurz ein, bevor er Bauke augenzwinkernd antwortet: “Na, hier im Tapedeck natürlich. Deswegen ja auch kein Obstsalat mehr an besagtem Spätsommerabend.”

„Bryter Layter“ von Nick Drake ist im November 1970 via Island Records erschienen.

8 Kommentare zu “Reib (X): Chrome Maxima & andere Raffinessen fürs erste Date”

  1. Doc sagt:

    Gibt’s den ‚Womanizer‘ hier zu laden ?
    Die Doc-Nummer hat die beste Zeit hinter sich ;)

  2. Pascal Weiß sagt:

    Doc, ich mache Dir gern eine Kopie. Bis wann brauchst Du sie denn?;)

  3. Doc sagt:

    Stark! Aber reicht fürs neue Jahr. Da habe ich mir viel vorgenommen :)

  4. Zatziki sagt:

    Haha, das würde ich jetzt allerdings auch mal gerne hören!

  5. Pascal Weiß sagt:

    Öffentlich? Dann ist der Wettbewerbsvorteil ja dahin;) Ne, klar, kommt gern zum Wochenende inkl. Streams, wenn vorhanden.

  6. Lennart sagt:

    uiuiui! lernen vom meister (-: !

  7. Pascal Weiß sagt:

    Hehe, Lennart, allzu große Hoffnungen solltest Du Dir nicht machen, denn ich glaube eher nicht, dass Du viele der Songs nicht kennen wirst – und die Beatles sind bspw. auch dabei;)

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