Nathan (IX): Krankes Kaninchen

Nathan (IX): Krankes Kaninchen


„Wie war Ihr Urlaub, Herr Nathan?“
„Guten Tag, Frau Pfuhlschlag. Sehr angenehm, danke.“

Wie war das bei Sven Regener noch einmal? Da mochte der Herr Lehmann es nicht, mit Nachnamen angesprochen und dennoch geduzt zu werden. Hier wäre dann das Gegenstück dazu: Vorname und Siezen. Das ist kein bisschen besser und ebenso irritierend. Mit einer solchen Mischung aus Jovialität und Höflichkeit war in einem kleinen Familienunternehmen aber zu rechnen. Und schlimmer als die anbiedernde Lockerheit vieler Firmen in der gleichen Branche war es nicht.

Überhaupt ließ sich die biedere, geradezu protestantische Arbeitsmoral innerhalb des Verlag Werner Pfuhlschlag recht gut ertragen. Er war zwar offensichtlich weltfremd wie jede kapitalistische Körperschaft, kam aber ohne das ganze Geschwafel von „Selbstverwirklichung“ und „seine Arbeit leidenschaftlich“, am Ende gar „aus Überzeugung“ machen, aus. Hier herrschte noch Fordismus alter Schule, Freizeit war Freizeit und als solche ebenso geheiligt wie dummerweise die Arbeitszeit, selbstverständlich nur, solange letztere stets erstere übertraf. Das unentschuldigte Fernbleiben bei der Weihnachtsfeier würde hier mit ungläubiger Trauer, vielleicht sogar Sorge, nicht jedoch beleidigt zur Kenntnis genommen werden. Über einen solchen Anlass hinaus wäre der Inhaber des kleinen Verlags, Werner Pfuhlschlag, niemals auf die Idee gekommen, man müsse etwas gemeinsam unternehmen, füreinander kochen, abends zusammen trinken oder am Wochenende Minigolf spielen.

Nathan hatte diesbezüglich bereits andere Erfahrungen gemacht und wusste eine selten den formalen Rahmen überschreitende Vertrautheit zu schätzen. Er nahm sogar keinen Anstoß an den wenigen, aber häufig vorgetragenen Anekdoten seines Chefs über dessen Zeit als aktiver Gewerkschaftler. ‚Das muss man sich mal vorstellen‘, dachte Nathan häufig, ‚ein Gewerkschaftler! In der Medienbranche! Da wäre es doch dumm, eher als notwendig zu gehen.‘

Und so blieb er denn auch, schimpfte im Stillen vor sich hin, nannte seine Arbeit „Scheißjob“ und war doch immer wieder gerührt von den Menschen, die ihm diese auferlegten. Das war kitschig, das war inkonsequent, aber im Großen und Ganzen ein relativ sicheres „besser als“. Dazu noch war seine Tätigkeit im Verlag Werner Pfuhlschlag teils stupide, teils kurios, aber nie wirklich anstrengend. Hauptsächlich bestand sie in der Betreuung der Kunden, Vereinen aus der ganzen Republik, deren Publikationen durch Pfuhlschlags verlegt wurden. Da gab es zum Beispiel den „Gurrenden Hermes“ der Brieftaubenzüchter, „Das Hohlrollen“ der Kanarienvogelfreunde, womit eine bestimmte Art ihres Gesangs (der Vögel, nicht der Freunde) bezeichnet wird, und den „Rex“ – kein Blatt der Hundezüchter, sondern der Kaninchenhegenden. Und das waren noch die herkömmlichsten. Zwar besaßen kuriosere wie die „Stecknadelsammler“, der „Marmeldaden-Verein“, der „Bartclub“ und der „Gurkenverein“ keine regelmäßigen Publikationen, hin und wieder gab es aber auch da eine Festschrift zu betreuen. Die Artikel wurden von den jeweiligen Spezialisten, also Vereinsmitgliedern und damit fast ausschließlich journalistischen Amateuren, geschrieben. Es gab deshalb Lektoratsarbeit zu leisten, falls notwendig klärte man Bildrechte, auch Druck und Vertrieb wurden übernommen.

„Herr Nathan, würden Sie sich heute bitte um den ‚Rex‘ kümmern? Der Artikel des Herrn Schroterich müsste noch durchgegangen werden.“
„Ich werde mich gleich daran machen, Frau Pfuhlschlag.“
„Danke! Und seien Sie bitte recht höflich, ja?“
„Selbstverständlich.“
„Na, weiß schon, auf Sie kann ich mich ja verlassen.“

Die Ermahnung hatte rituellen Charakter und war keinesfalls notwendig. Herr Schroterich, Vorsitzender des Kaninchenzüchtervereins „Rexkaninchen zu Hortenbachsen“, galt in Fachkreisen als unfehlbare Instanz, was sich von seiner Rechtschreibung nicht sagen ließ. Dummerweise erschwerte die Ernsthaftigkeit, mit der er sich der Zucht von knuddeligen Nagetieren widmete, das Korrigieren seiner Texte. Ohne böswillig zu sein befürchtete er stets, mit Kaninchen weniger vertraute Menschen wie Nathan könnten seine Beiträge entstellen, wodurch eine telefonische Absprache bezüglich des Lektorats unumgänglich wurde.

„Guten Tag Herr Schroterich, ich rufe an wegen ihres Artikels für den ‚Rex‘ …“
„Ah, der junge Herr Nathan, guten Tag!“
„Ja, also, es geht um den Artikel bezüglich der, ähem … ‚Encephalitozoon Cuniculi’“
„Sehr schlimm, schlimm, jaja …“
„Sicher. Ja, also, im Satz ‚In schlimmen Fällen, dreht sich das Kaninchen Anfallartig, um sich selbst‘ sind zwei Kommas zu viel, beide, und ‚anfallartig‘ …“
„Ja, genau, anfallartig, sehr schlimm. Mein wunderschöner Satin-Rex, einfach gedreht, plötzlich.“
„Oh, das tut mir leid. Jedenfalls, ‚anfallartig‘ werde ich korrigieren …“
„Nana, junger Mann, sie waren ja nicht dabei! Rollanfälle hatte es, auch noch, auch anfallartig! Und immerzu riss es das Mäulchen auf … schlimm! Der gute Satin-Rex!“
„Gewiß, Herr Schroterich, ich wollte das ‚a‘ nur klein schreiben, korrigieren.“
„Machen Sie mal, machen Sie mal. Ja, ganz lustlos war er auf einmal, sonst ein fröhlicher Kerl, wissen sie, Brite halt, ‚jolly good fellow‘, hehe, aber ach, …“
„Mhm … das ist sehr schade.“
„Schade? Eine Schande ist das!“
„Ja, auch eine Schande … wenn wir gerade dabei wären: ’schädlicher ein Zeller‘, da wird ‚Einzeller‘ zusammen geschrieben, als Substantiv.“
„Substantiv? Subjekt, hundsgemeines, der Zeller! Nichts konnte er mehr sehen, der Rex, und dann immer das Rollen! Vollkommen hilflos, auf dem Weg zum Tierarzt immer das „Bumm! Bummm!“ aus seiner Kiste, das arme Tier …“

An diesem Tag verfolgte Nathan bis in den Schlaf hinein der Verdacht, gegenüber anderen Menschen dahingehend im Vorteil zu sein, dass er gar nicht erst zu versuchen brauchte, so zu tun, als sei seine Arbeit irgendetwas anderes als merkwürdig bis überflüssig. Leider verschaffte ihm dies keine Genugtuung, sondern, da selbst die Verursacher des Überflüssigen ihn wiederum für überflüssig hielten und er sich das arg zu Herzen nahm, wirre Träume.

http://www.youtube.com/watch?v=VElJqN5XDdQ

 „A Passion Play“ von Jethro Tull erschien 1973 via Chrysalis Records.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum