Emmy The GreatVirtue

Einerseits möchte man Emmy The Great dafür danken, dass sie eine Musikschaffende aus London ist, die nicht nur mit ihrem Laptop rumspielt und ihre Songs auf allerlei Elektrogepluckere aufbaut, wie es ansonsten scheinbar jeder Indie-Songwriter auf der Insel zu praktizieren scheint, sondern ihre Songs tatsächlich auf einer Gitarre schreibt. Und dass sie eine junge Frau ist, deren künstlerischer Ansatz größtenteils nicht versucht, mit Mädchen- bzw. Görenattitüde Gefälligkeitsklischees zu bedienen, dass sie sozusagen nicht Kate Nash oder, schlimmer noch, Lilly Allen sein will. Das sind schon mal keine verkehrten Herangehensweisen. Nur: Was bleibt im Endeffekt zurück außer heißer Luft?

Emmy The Great alias Emma-Lee Moss, geboren in Hong Kong, aufgewachsen in England, scheint im Vereinigten Königreich weit mehr Ansehen zu genießen als anderswo, wo wie hierzulande ihr zweites Album „Virtue“ erst mit mehrmonatiger Verspätung veröffentlicht wird. Ihr erstes musikalisches Lebenszeichen, die EP „We Almost Had A Baby“, war sehr gut, ihr erstes Album „First Love“, nicht schlecht. Das Nachfolgewerk nun steht dem in Nichts nach. Dabei ist ihr thematischer Werdegang persönlich geradezu geradliniges Coming-Of-Age: Die Verlobung, die ihre „First Love“ manifestieren sollte, ist gelöst und „Virtue“ müsste eigentlich die Scherben der Trennung auflesen, tut es aber musikalisch nicht, weil zu schwungvoll, und textlich nur bedingt, weil zu vielsagend, was immerhin für Eleganz und Witz spricht. Ein Beispiel: „Now there is rosemary where previously/ There was no rosemary.“ (aus: „A Woman, A Woman, A Century Of Sleep“)

Ein Stück wie „Dinosaur Sex“ nimmt langsam Fahrt auf zu dunklen Streichern und nihilistischen Meditationen über die Nutzlosigkeit von Dino-Sex und ihr und uns. Die Chöre sind ein bisschen plakativ („A Woman …“, auch wenn die schweren Piano-Akkorde das zu kompensieren wissen: „North“), die Frauengestalten immer edelmütig, aber unerhört (zu flottem Rhythmus: „Iris“, als beschaulicher Folk-Song: „Cassandra“). Ein bisschen Anti-Folk steckt doch unter der mundgerechten Rock-Pop-Schicht, wenn auch entsprechend aufgebläht – „Paper Forest (In The Afterglow Of Rapture)“. Auch Up-Tempo darf nicht fehlen: „Sylvia“. Und eine Pianoballade am Ende natürlich, „Trelick Tower“, über Liebe und Sehnsucht und derlei Pianoballadeskes.

Ja genau, das hört sich ein bisschen vorhersehbar, ein bisschen geschmackvoll an. Gefühlvolle Mainstreammusik mit schönem Klang (der Gitarren z.B.), gescheiten Texten und viel Stimmung, die doch nicht die atmosphärische Größe einer Feist erreicht, aber definitiv mehr Ruhm will und auch verdient, als ihr bisher zukam. Great ist das nicht und weit mehr als kleine Gefällig- und Beschaulichkeiten finden sich selten hinter der schönen Oberfläche. Nicht schlecht, aber es gibt Besseres, Aufregenderes.

64

Label: BMG Rights Management

Referenzen:
Feist, Kimya Dawson, Conor Oberst, Florence + The Machine, Noah And The Whale

Links: Homepage | Facebook | Albumstream

VÖ: 21.10.2011

Ein Kommentar zu “Emmy The Great – Virtue”

  1. Nina sagt:

    Emmy auf Tour

    20.11.2011 – Berlin, Privat Club – 21 Uhr
    21.11.2011 – Hamburg, Molotow Bar – 21 Uhr
    22.11.2011 – Cologne, Blue Shell – 21 Uhr

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