Spot


Komplizen der Spielregeln: Kampf dem Klischee

Komplizen der Spielregeln: Kampf dem Klischee
Heute Abend werden Komplizen der Spielregeln ihre Deutschlandtour – nur allzu passend – mit einem Auftritt auf der Kölner Wutparty beginnen. Genau 5 Monate vorher, am 20. Mai, spielt das Quintett im Kalker Klub Genau ein Konzert anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Albums „Lieder Vom Rio D’Oro“. Es hängt ein Hauch von Rebellion in der Luft, auf die Rückwand des Raumes werden vom sechsten Livemitglied Schaupau Bilder von Straßenprotesten projiziert, dazwischen TV-Aufnahmen deutschen Politikidylls und von der Verhaftung der Bankenikone Dominique Strauss-Kahns wenige Tage zuvor – rückblickend erscheint es geradezu prophetisch.

Wer zu diesem Zeitpunkt noch glaubt, die literarische Referenz im Bandnamen impliziere herzlose Verkopftheit, muss zum Glaubensverlust nur einen Blick auf das Geschehen werfen. Frontmann Tobias Ortmanns investiert gleichermaßen Gedanken und Körper in seine Worte, mal sprechsingt er seine Gedankenströme in einem Tonfall, der von Beunruhigung kundet, mal rödelt er Mark-E.-schmissig in „Aufmerksamkeit“ oder tritt verbal beiseite, um dem Instrumentalspiel seiner Gefährten selbige zu verschaffen. Nahezu immer ist er dabei irgendwie in Bewegung, schwingt Schulter und Hüfte, dreht sich um sich selbst, wippt den Oberkörper im Rhythmus gen Boden. Fast regungslos ist er, als hinter ihm beschriftete Karten den Song „Sonstiges“ begleiten, eine scheinbare Endlosreise durch Mikroimpressionen oder -assoziationen deutscher Städtenamen, die in der lokalunpatriotischen Selbstironie „Köln ist immer ‘Sonstiges’ auf einer Ausfallstraße in Magdeburg“ gipfelt.

Es ist ein zugänglicher Song in einfachen Worten, aus dem ich dennoch keine simple Aussage lesen kann. Ebenso, wie es mir auch all die Monate darauf noch schwer fällt zu sagen, warum „Lieder Vom Rio D’Oro“ mein deutschsprachiges Album des Jahres ist. Vielleicht, weil es so gar nicht wie sonstige Deutschmusik klingt, weil diese Band ihre eigene Sprache in Text und in Musik sucht, vielleicht, weil unsere dilemmareichen Zeiten nach einer Musik ohne einfache Erklärungen dürsten. Sie ist Indierock im Wissen, dass zwei Gitarren im Mitteltempo am schönsten miteinander sprechen können, sie ist Post-Hardcore im unruhigen Aufreiben der Strukturen und Wendungen, sie experimentiert (nicht nur) elektronisch, ist volatil, entspannt, rau, atmosphärisch, songfokussiert, spröde, klar, gezupft, geschrammelt … Kurz, sie ist facettenreich und mehrdeutig statt geradlinig und plakativ, und so der prismischen Identität des Menschen nur allzu nahe.

Unüberhörbar klingt darauf aber immer wieder eine tief liegende, systemweite Unzufriedenheit hervor – statt Politik ätzen „In Serie“ und „Erinnern“ z.B. gegen triviale Nichtigkeitsmedien – doch sind es keine Wutplatitüden, dafür sind Komplizen der Spielregeln selbst zu überwältigt von der Komplexität der Moderne. So ist „Lieder Vom Rio D’Oro“ kein Album, das zufrieden stellt. Weil ihm Ausdruckskraft wichtiger ist als gute Inhaltsnoten, weil es keine Angst hat anzuecken, weil diese Band die Reibung zur Königsdisziplin erhoben hat. Ab heute darf man sich das live ansehen. Und mitwüten.

Lieder Vom Rio D’Oro ist auf Sitzer Records erschienen.

Links: Bandhomepage | Facebook | Albumstream

Komplizen der Spielregeln auf Tour:

  • 20.10.11 (Do) in Köln (Club Bahnhof Ehrenfeld)
  • 21.10.11 (Fr) in Düsseldorf (Brause)
  • 22.10.11 (Sa) in Schweinfurt (Brot & Spiele)
  • 23.10.11 (So) in München (Kyeso)
  • 24.10.11 (Mo) in Wien (Weberknecht)
  • 25.10.11 (Di) in Nürnberg (Klupfel)
  • 26.10.11 (Mi) in Augsburg (Ballonfabrik)
  • 27.10.11 (Do) in Berlin (Magnet)
  • 28.10.11 (Fr) in Hamburg (Hanseplatte)
  • 29.10.11 (Sa) in Offenbach (Hafen 2)

Verwandte Artikel

Der Liedschatten (XXIX): Ein Trugschluss. Ein Klischee. Und Arschkrampen.
Der Liedschatten (XXIX): Ein Trugschluss. Ein Klischee. Und Arschkrampen.
Sinkt das Niveau, steigt die Stimmung. Außerdem: Hackt bitte nicht mehr ständig auf den Majorlabels rum. Der Liedschatten wird menschlich.

Einen Kommentar hinterlassen

Kritiken
Bigg Jus - Machines That Make Civilization Fun

Bigg Jus - Machines That Make Civilization Fun

Referenzen: El-P, Company Flow, Thavius Beck, Cannibal Ox, Aesop Rock
Lower Dens - Nootropics

Lower Dens - Nootropics

Referenzen: Deerhunter, Stereolab, Beach House, Can, Jana Hunter
Ramona Falls - Prophet

Ramona Falls - Prophet

Referenzen: Menomena, Bear In Heaven, The Antlers, Wild Beasts, Modest Mouse
Beach House - Bloom

Beach House - Bloom

Referenzen: Mazzy Star, Galaxie 500, Low, Grizzly Bear, Memoryhouse
Of Monsters And Men - My Head Is An Animal

Of Monsters And Men - My Head Is An Animal

Referenzen: Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, Arcade Fire, Mumford & Sons, Stars, Imaginary Cities
Allo Darlin' - Europe

Allo Darlin' - Europe

Referenzen: The Smiths, Heavenly, The Lucksmiths, Camera Obscura, Felt
Stabil Elite - Douze Pouze

Stabil Elite - Douze Pouze

Referenzen: Kraftwerk, Neu!, Grauzone, Can, Von Spar, Mit
Poliça - Give You The Ghost

Poliça - Give You The Ghost

Referenzen: Joy Division, School Of Seven Bells, Gayngs, Beach House, Bon Iver
Evans The Death - Evans The Death

Evans The Death - Evans The Death

Referenzen: Veronica Falls, Gold-Bears, Joanna Gruesome, Television Personalities, The Undertones
Jack White - Blunderbuss

Jack White - Blunderbuss

Referenzen: The White Stripes, The Black Keys, Alabama Shakes, Little Willie John, The Dead Weather
Actress - R.I.P

Actress - R.I.P

Referenzen: Andy Stott, Pendle Coven, Mount Kimbie, Alva Noto, Mike Slott
Dean Blunt And Inga Copeland - Black Is Beautiful

Dean Blunt And Inga Copeland - Black Is Beautiful

Referenzen: Steely Dan, Actress, Sun Araw, James Ferraro, oOoOO
Dean Blunt - The Narcissist II

Dean Blunt - The Narcissist II

Referenzen: Inga Copeland, Dirty Beaches, How To Dress Well, The Weeknd, Sun Araw
Rufus Wainwright - Out Of The Game

Rufus Wainwright - Out Of The Game

Referenzen: Sparks, Patrick Wolf, Barry Ryan, Billy Joel, Ed Harcourt
Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Referenzen: David Bowie, Teeth Of The Sea, Sunset Rubdown, Spiritualized, The Horrors
Django Django - Django Django

Django Django - Django Django

Referenzen: Devo, The Beta Band, The Beach Boys, Sufjan Stevens, Bear In Heaven, Metronomy
Black Dice - Mr. Impossible

Black Dice - Mr. Impossible

Referenzen: The Residents, Zach Hill, Animal Collective, Wolf Eyes, HEALTH
Claro Intelecto - Reform Club

Claro Intelecto - Reform Club

Referenzen: Efdemin, Pantha Du Prince, The Field, Pendle Coven, Andy Stott
Die Ärzte - Auch

Die Ärzte - Auch

Referenzen: NOFX, Deichkind, WIZO, Eisenpimmel, Die Türen
Spiritualized - Sweet Heart Sweet Light

Spiritualized - Sweet Heart Sweet Light

Referenzen: Velvet Underground, Beatles, Blur, Deerhunter, Mercury Rev
Zammuto - Zammuto

Zammuto - Zammuto

Referenzen: The Books, Maps and Atlases, Animal Collective, Four Tet, Boards of Canada
Crybaby - Crybaby

Crybaby - Crybaby

Referenzen: Johnny Rivers, Mickey & Sylvia, Otis Redding, Morrissey, Rufus Wainwright
Chromatics - Kill For Love

Chromatics - Kill For Love

Referenzen: John Carpenter, Desire, Blouse, Glass Candy, Riz Ortolani
Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance

Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance

Referenzen: Real Estate, Dive, Deerhunter, Atlas Sound, Pains Of Being Pure At Heart
Traxman - The Mind Of Traxman

Traxman - The Mind Of Traxman

Referenzen: DJ Roc, DJ Diamond, DJ Nate, DJ Rome, Kuedo
Bear In Heaven - I Love You, It's Cool

Bear In Heaven - I Love You, It's Cool

Referenzen: Twin Shadow, Yeasayer, The Human League, Pet Shop Boys, Atlas Sound
Jahrescharts