Gibt es Musiker, die umtriebiger sind als Bonnie „Prince“ Billy alias Will Oldham? Sicher, man hätte da mal an Sufjan Stevens oder Ryan Adams denken können, doch wenn man sich das Arbeitspensum des Amerikaners in den vergangenen zwei Jahren mal so zu Gemüte führt, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Jeweils fünf Beiträge für Compilations oder als Gast für andere Musiker, bis zu 10 Veröffentlichungen unter eigenem Namen mit und ohne Cairo Gang, dazu noch Auftragskompositionen und ein Hörbuch. Eigentlich müsste das somit „Wolfroy Goes To Town“ ein ziemlich rastloses und gehetztes Unterfangen geworden sein. Mitnichten!

Oldham besinnt sich darauf ganz eindeutig auf Tugenden, die ihn schon seit seiner Zeit als Palace Brother ausgezeichnet haben: Schlichtheit und Akkuratesse. Das fängt mit den fast ausschließlich zurückgenommenen Instrumentierungen an und hört mit den kontemplativen Momenten auf, die viele Songs eine Spur zu skizzenhaft erscheinen lassen. Gleich zu Beginn wird das Fahrwasser der letzten Soloalben verlassen, vorbei sind die beseelten Countryeskapaden, die auf „Beware“ und „Lie Down In The Light“ für ungewohnte Fröhlichkeit gesorgt hatten. Eine einsame Gitarre, dazu die gebrochene Stimme Oldhams und mit Angel Olsen eine Duettpartnerin, deren Stimmfarbe so flüchtig wie möglich und doch so eindringlich wie nötig durch die skelettierten Stücke hindurch scheint.

„No Match“ und das vorab als Single veröffentlichte „Quail & Dumplings“ fallen hierbei ein wenig aus dem Rahmen, nicht nur aufgrund des im Vergleich zum Rest des Albums schon nahezu halsbrecherischen Tempos. Ersteres, weil es sich noch am ehesten an die jüngeren Werke im Country- und Western-Look anlehnt, und zweites, weil es sich durch seine Leichtigkeit und Frische nicht so recht in den Kontext des Albums einsortieren will. „Wolfroy Goes To Town“ wirkt zuweilen zu statisch, die Innigkeit bzw. vor allem die Innerlichkeit, die Oldham hier heraufbeschwört, kippt gelegentlich in eine Art Beliebigkeit, die sich dem Hörer nicht so recht erschließen will. So möchte man dem Zeitlupenwalzer „Time To Be Clear“ eine Spur mehr Zwang spendieren, auch „Cows“ und „Night Noises“ wären mit einer Prise Fokus weniger Hörbuch und mehr Song. Doch andererseits perfektioniert der Musiker gerade diese Kargheit im fabelhaften „New Tibet“ und überrascht mit einer behutsamen Steigerung, die die sanfte Wut des Albums kanalisiert und auffängt.

Hätte Oldham „Wolfroy Goes To Town“ ein wenig mehr Gewalt spendiert, wäre es bei Stücken wie „Black Captain“ mit seiner „Go Down, Moses“-Reminiszenz sicherlich in die Nähe des meisterlichen „At The Cut“ vom viel zu früh verstorbenen Vic Chesnutt gerückt. So wünscht man sich die heimelige Tristesse zurück, die den Musiker hier zwar wieder umfängt, die er jedoch noch nicht wieder in letzter Konsequenz und Intensität umsetzt.

68

Label: Domino

Referenzen: Palace Brothers, Vic Chesnutt, Damien Rice, Castanets, Bill Callahan

Links: Homepage | Label

VÖ: 07.10.2011

5 Kommentare zu “Bonnie Prince Billy – Wolfroy Goes To Town”

  1. Lennart sagt:

    68%? Kann ich nicht glauben, allein deswegen brauche ich das Album.

  2. Carl sagt:

    ich hätte auch gerne mehr gegeben, doch wenn man bedenkt, dass ich den besten Alben in diesem Jahr auch „nur“ um die 80% attestiere, finde ich das schon recht ordentlich.

  3. Lennart sagt:

    Aus mir sprach auch nur Unglauben, Kritik war’s nicht… vielleicht überhöhe ich den Herren einfach zu sehr.

  4. Bastian sagt:

    „Quail and Dumplings“ ist toll, der Recht plätschert so ein wenig daher. Okayes Album, wie die meisten der letzten Jahre. Ich höre trotzdem lieber Callahan.

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