Class ActressRapprocher

Es ist die Unbeschwertheit, die bei Class Actress Brüche bekommt. Zunächst klingt ihr Debüt noch wie in einer schützenden Indiedunstwolke verhüllt und mit ordentlich farbträchtiger 80er-Vollsynthetik eingepinselt, während die Discokugel ihre Spiegel noch für eine lange Nacht putzt. „Keep You“ ist mit seinen verschachtelten Beats, der ungemein eingängigen Melodie und der arschcoolen Stimme Elisabeth Harpers die personifizierte Überlegenheit. „Just give me what I want“, heißt es da und man ist bereit, dieser Aufforderung ohne Umschweife nachzukommen, ahnt jedoch zugleich, dass diese Sache nicht ganz gut ausgehen wird.

Ab da geht es dann tatsächlich bergab. Die Protagonistin der Songs schlägt sich mit Gefühlskram rum. Dem Einander-haben-Wollen, dem Verlassen und Loslassen, später dann Ungewissheit und der Bedeutungsverlust. Oft flüchten sich die Texte in Abgeklärtheit, die jedoch nur über die Verletzlichkeit hinwegtäuschen soll, die dem ganzen Werk immer einen melancholischen Grundton verleiht, wenn man nur ganz genau hinhört. Dies alles ist natürlich nicht ausformuliert bis in die letzte Tiefsinnsgrube, denn das hier ist vor allem Pop. Etwas kitschig und betroffen zwar an manchen Stellen, aber auch herrlich sarkastisch wie beim tollen „Limousine“.

Musikalisch klingt das Debüt des Duos wie ein prototypisches Indie-Album in diesem Jahr eben so klingt, besonders wenn man sich in das Gedächtnis ruft, dass ihr Label Carpark mit Memory Tapes, Toro Y Moi oder Beach House nun wirklich nicht dafür bekannt ist, groß aus einem selbstgesteckten Rahmen zu fallen. Das retro-futuristisch angeschnitzte „Missed“ versucht sein Heil in dröhnenden Bässen, der Rest lässt es mit den Achtzigern ein wenig geruhsamer angehen, wobei hier nicht verschwiegen sein soll: Auf diesem Werk feiern alle analogen und digitalen Synthesizer und Drum Machines von längst vergessenen 80er-Jahre-Bands ihre Wiederauferstehung. Vintage Cyberpop galore!

Was damals von Human League, Madonna und Konsorten ausrangiert mit Schwung auf den Schrottplatz flog, ziehen sich Class Actress mit strahlenden Augen aus dem Müll – und freuen sich sogar doppelt über die schäbigen Beulen, Blessuren und abgewetzten Kanten an den Instrumenten. So müssen sie die leiernden Geräte nur noch ein wenig neben die Spur fahren, um den gewünschten Straßengrabensound zu erhalten, der hier nur noch mit überproduzierten Beats aus dem Laptop versetzt wird, die bereits im Ohr schon unangenehm stumpf wegkippen. Dazu addiert sich Harpers Stimme, die mal kokett, mal bedauernswert dünn das obere Spektrum der Tonleiter abgreift und dadurch alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. An besseren Stellen passt ihr leicht metallischer Gesang samt mystischem Touch hervorragend zu den Songs. An weniger guten muss man seine Meinung zu Auto-Tune zumindest einmal überdenken.

Songweise portioniert funktioniert dieses Album hervorragend, auf Dauer verschwimmen jedoch die Konturen, alles ergießt sich in eine mitunter zähe Mischung aus Synthesizerbrei und zunehmend nervigerer Stimme. Letzten Endes verbleibt dadurch nur noch der dröge Nachhall einer gleichmacherischen Produktion, der es misslingt, besondere Akzente zu setzen und dadurch in gewisser Weise ein Zentrum zu kreieren, um das herum sich das Werk aufbaut. So verblasst auch der erste sympathische Eindruck fast zur Unkenntlichkeit. Es ist eben nur bedingt vorteilhaft, wenn der offensichtliche Hit direkt an erster Stelle platziert und als Gratis-MP3-Schnitzel auf dem Hype-Teller den Blogs zum Fraß vorgeworfen wird. Auf Position 3 kommt auch bereits die Nachfolgesingle „Weekend“, danach können nur noch wenige Songs so wie „Let Me In“ überzeugen, der zugleich mit angezogener Handbremse und innerlich zerrissener Melodie das Dilemma dieses Albums auf den Punkt bringt.

61

Label: Carpark

Referenzen: Austra, Ultravox, Soft Metals, Ford & Lopatin, Soft Cell, Human League

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VÖ: 04.11.2011

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