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Das Wandern ist des Müllers Lust

Das Wandern ist des Müllers Lust
„Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern ist des Müllers Lust, das Waahaandern!“ Ein frisches Volkslied auf den Lippen, gut behütet mit dem Wanderstock voraus und je nach landschaftlicher Voraussetzung mehr oder weniger dick eingepackt, so geht nicht nur der Müller über Stock und Stein. Für die frischlufthungrigen Spaziergänger sollten es aber nicht nur traditionelle Weisen sein, frisches Liedgut erhöht die Motivation und spornt zu neuen Höchstleistungen an. Eine Auswahl der vielversprechendsten Veröffentlichungen aus dem Folkumfeld schafft hier Abhilfe und bietet beste Untermalung für Ausflüge jedweder Art.

Das abwechslungsreichste Programm hat hier sicherlich Ry Cooder im Angebot, der auf seinem aktuellen Album „Pull Up Some Dust And Sit Down“ ständig zwischen zynischem Geschichtenerzähler und volkstümlichem Songwriter hin und her wechselt. Aktuelle Themen wie die amerikanische Präsidentenfrage, die Wirtschaftskrise oder Ein- und Auswanderungsprobleme werden wahlweise in elegante Serenaden, knarzige Bluesstücke oder lateinisierte Singalongs verpackt, die immer mal wieder auch einen Hauch von Patina besitzen. Doch trotz der ernsten Themen die Cooder auf seinem Album in den Vordergrund rückt, bleibt die Grundstimmung herrlich entspannt, ja sogar entspannend und lädt durchaus auch dazu ein (Achtung: Romantik!), beseelt in den Abend hineinzuträumen und sich von der untergehenden Sonne in eine Art Paradieszustand versetzen zu lassen. Kitschig, nicht war? Aber dennoch genau richtig, um gestärkt in den Herbst zu marschieren.

Ausgehend von dem gleißenden Zwielicht, durch das wir mit Ry Cooder geschritten sind, müssen nun Nachtgesänge her, um die anstehende Mitternachtswanderung bei Vollmond und hell leuchtenden Sternen anheimelnd zu begleiten. Hier sollte ein Ohr in Richtung Matt Bauers gehen, dessen Album „The Jessamine County Book Of The Living“ die Unruhe am frühen Abend besonders ansprechend einfängt. Er singt von „White Lakes“ und „Blacklight Horses“, lässt sich von Mariee Sioux und Jolie Holland begleiten, die Taschenlampe sicherlich von unten ins bleiche Gesicht gehalten. Klischee, oder? Vielleicht schon, jedoch so intim und einnehmend, dass man Bauer den vorbeiziehenden Bänkelsänger zu jeder Zeit abnimmt.

Immer empfehlenswert und jetzt nach der Geisterstunde besonders toll in der kalten Nachtluft hebt sich die klare Stimme von Meg Baird in den Himmel. Deren neues Album „Seasons On Earth“ ist vielleicht nicht mehr ganz so versponnen wie ihr erstes Solowerk „Dear Companion“ oder die Espers-Alben, dennoch wirken die sparsam instrumentierten Folksongs wie die Silberfäden eines Spinnennetzes, mondbeschienen und kristallklar. Lieber Elfe oder Hexe, na zumindest wie ein verzaubertes Fabelwesen steht Baird am Wegesrand und lässt dem nächtlichen Wanderer mit aufgestellten Nackenhaaren und wohligem Schauer über dem Rücken weiterziehen.

Die Sonne taucht so langsam auf, Zeit für einen erbaulichen Morgengruß. Soll es hier turbulent und wild zu gehen, sollte der Griff zu David Gibb gehen, der ist als Brite Experte für wirbelwindschnelle Reels und Dances und hat davon auf seinem Album „There Are Birds In My Garden“ eine Menge parat. Hurtig werden die wandermüden Beine geschüttelt und zu flotten Gitarrenpickings wieder auf Touren gebracht. Muss man dazu noch sagen, dass Gibb sein Instrument wie einen Derwisch bearbeitet und seine reichhaltig gefärbte Stimme an die guten, alten Zeiten des britischen Folks anknüpft. Muss man nicht, sollte man aber, und zur launigen Melodie von „Two Dead Boys“ sein Ränzlein schnüren, um dem Sonnenaufgang nun schnellstmöglich entgegenzuwandern.

Während dann noch munter von links nach rechts gehopst wird, wären für die nächste Pause ein paar besinnlichere Töne sicherlich nicht verkehrt. Hier kann mit einem großen melodieseligen Bilderbogen aufgewartet werden, ganz ähnlich dem, den im vergangenen Jahr Josh Ritter für sich verbuchen konnte. Zum „High Noon“ darf, nein sollte es demnach „The Big Show“ von Stephen Simmons sein, der in zwanzig Schaustücken amerikanische Alltagsgeschichte erzählt, mal sanft croonend, mal streitbar und aufwühlend. Man setze sich also nun im Kreis um den einzigen Baum im Dorf, beschatte sein Haupt mit der Kopfbedeckung seiner Wahl und lausche dem feinen Musiker bei seiner Reise durch das Land. Es ist befremdlich, wie sehr man sich auch bei den hier meist ernst und elegisch angeschlagenen Tönen vor Wohlbehagen winden könnte, da darf man ruhig auch mal den Hut ins Gesicht ziehen, um allmählich die mittägliche Siesta einzuläuten.

Geschlafen wird aber nicht, denn ein letztes Sechstel der Herbstetappe muss noch genommen werden, um nach einer kurzweiligen Wanderung wieder am Ausgangpunkt anzukommen. Hier sei dem Wanderer ans Herz gelegt, sich mit Jay Clifford und dessen neuem Album „Silver Tomb For The Kingfisher“ auseinanderzusetzen. Sehr viel Licht, kaum Schatten, jedoch eben keine gleißende Helligkeit strömt von den feinen Folksongs aus, die sich durchaus auch mal an frühe Iron & Wine und Sufjan-Stevens-Werke anschmiegen. Das sei, bei aller momentanen Verzückung, bei einem so kunstvollen Stoßseufzer wie „Empyrean“ dann aber durchaus erlaubt.

Na, noch Puste? Dann darf die Runde gerne noch mal gelaufen werden.

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