FeistMetals

So eine Werbehymne, ein nettes, buntes Tanzvideo zu einem geradezu unverschämt eingängigen Song mit unmissverständlichem Text („1, 2, 3, 4/ I love counting/ counting to the number 4“), eingesetzt in einem Spot für ein öffentlich ziemlich einhellig als cool geltendes Produkt, ist mit Recht eine einschneidende Zäsur im Schaffen einer Künstlerin. Einer Künstlerin, deren Werdegang sie bereits über Punk (Bitch Lap Lap) und Experiment hin zu Folk und Pop und damit in die Charts führte, und die jetzt nicht umhin kann, gediegene Erwachsenenmusik zu machen.

„The Reminder“, das Vorgängeralbum samt Hitsingle, war aber auch ein tüchtiger Batzen Gefälligkeit und hatte nicht umsonst genug Anders- und Eigenartigkeit, um zunächst Garant für Distinktionsgewinn zu sein, ohne jemanden zu verschrecken, nur um sich daraufhin so zugänglich und unverfänglich auch dem ungeübten Ohr anzuschmiegen, dass es zur unprätentiösen Hintergrundbeschallung (fast) jeder gesitteten Abendunterhaltung wurde, ein halbes Konsensalbum, eigen und geschmackvoll, angenehm und zurückhaltend (ähnlich wie beim kubanischen Jazz vor ein paar Jahren oder auch Soul in letzter Zeit). Der sich folgerichtig einstellende Erfolg brachte Leslie Feist ein Mehr an Aufmerksamkeit und sicherlich auch Geld ein (Denn: Durch Werbung geschaffene öffentliche Präsenz ist eine weit verlässlichere conditio sine qua non als alles Gerede von Qualität oder, gar noch weniger fassbar, Melodieseligkeit). Er erforderte aber auch so vehement Liveauftritte und Promotion, dass sie nach dem Abschluss der Tour zu „The Reminder“ erst einmal eine zweijährige Auszeit von Konzerten und Songs brauchte.

Der Rahmen für die Rückkehr Feists in die Öffentlichkeit ist trotz allen Trubels ungezwungen gesetzt: Aufgenommen wurde „Metals“ in einem abgeschiedenen Haus an der kalifornischen Küste innerhalb von zweieinhalb Wochen. Neben ihren alten Weggefährten Gonzales und Mocky wirkte diesmal auch der Isländer Valgeir Sigurðsson (Björk, Kate Nash …) an der Produktion mit. Die Songs greifen entsprechend locker und gelassen ineinander, auf stilistische Extravaganzen verzichtet Feist weitestgehend, man könnte von Stilsicherheit mit einem Hauch Vorhersehbarkeit reden.

Das orchestrale Ausfransen in „The Bad In Each Other“ mitsamt fein akzentuiertem Klappern ist wie erwartet schön und wohltemperiert, die weiblichen Hintergrundstimmen nehmen oftmals einen sehr prägnanten Platz im Gleichgewicht einzelner Songs ein, etwa in „Graveyard“ und dem angejazzten „How Come You Never Go There“. „A Commotion“ ist da schon der gewagteste Ausflug ins Experimentelle mit Staccato-Streichern, Loops und dem Initiationsausruf eines Männerchors als brüchige Bridge zum dunklen Refrain, „The Circle Married The Line“ hingegen galante Gefälligkeit. Schön (und) kurz explodieren die Streicher im ansonsten etwas arg harmlos geratenen „Anti-Pioneer“, Bläser adeln das ruhige „The Undiscovered First“, ehe sich der Song in einen stampfenden, mehrstimmigen, fast noisigen Sing-A-Long verwandelt. Aber keine Sorge, so richtig störend und nervenzehrend ist auch das natürlich nicht.

Mit dem Erfolg von „The Reminder“ tauscht Feist ihren Wagemut gegen Gefälligkeit, ihre Verspieltheit gegen Sittsamkeit, ihr Vergnügen gegen Geschmack (ohne sagen zu wollen, dass letztere Punkte nicht bereits zuvor sehr präsent waren). Sie macht nun mehr Aller- als -Welts-Pop: Die Pop-Hits sind weniger poppig, die Experimente weniger experimentell. Feist schafft mit „Metals“ eine Sammlung geschmackvoller Belanglosigkeiten, zurückgenommener Jazz-Folk-Stücke und unspektakulärer Kleinoden. Das ist zwar harmlos, aber schön, oder, damit das nicht zu hoch gesprochen ist: angenehm.

73

Label: Polydor

Referenzen: Iron & Wine, Kings Of Convenience, Au Revoir Simone, Cat Power, Joni Mitchell

Links: Homepage | Facebook | Albumstream

VÖ: 30.09.2011

4 Kommentare zu “Feist – Metals”

  1. Bastian sagt:

    Gefällig im Sinne von gefällt. Im Ganzen vielleicht sogar ihr stimmigstes Album, was ich nicht unbedingt erwartet hätte.

  2. Ralf sagt:

    Nach „The Reminder“ hatte ich schon hohe Erwartungen auf ihr nächstes Werk, die nun noch bei weitem übertroffen wurden. Phantasie, Poesie, Kraft und Kreativität zeichnen dieses Album aus. Eine hinreißende Künstlerin!!

  3. Ich stimme Dir und Deinem Vorredner ja durchaus zu, aber mit der Gefälligkeit und Stilsicherheit ist das so ein Ding: Wie ein Fluss ohne Stromschnellen nur so vor sich hinplätschert, so braucht auch Kunst Ecken und Kanten, will sie ergreifen und bewegen. Ohne damit sagen zu wollen, dass Kunst nach Pisse und Großstadt riechen muss, um zu munden: „Metals“ gefällt mir sehr wohl, so richtig ergriffen und geflasht und so bin ich aber dann doch nicht. Daher muss ich ergänzen: EIne hinreißende und harmlose Künstlerin.

  4. Lennart sagt:

    „1234“ allein reicht vollkommen aus, alles andere ist Kür.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum