Unerreichte Visionäre: Disco Inferno


Was ist eigentlich heutzutage noch der Sinn von Reissues? Müssen wir „Nevermind“ mit einer nostalgischen Super-Deluxe-Version wirklich noch stärker kanonisieren als es das ohnehin schon ist, besitzen dieses Album nicht bereits alle, die es auch nur irgendwie interessieren könnte? Müssen die diesjährigen Alben von Kurt Vile, Warpaint und James Blake wirklich noch vor Jahresende eine Wiederveröffentlichung mit Bonusmaterial erfahren? Und ist es nicht überflüssig geworden, alte Aufnahmen neu herauszubringen, wenn man sie doch leicht irgendwo im Netz finden kann?

Auch die 5 EPs, die die britische Band Disco Inferno in den frühen Neunzigern herausbrachte, finden sich nach jahrelangem Zirkulieren als obskures Bootleg nun sofort mit einer Google-Suche. Nur: Um so weit zu kommen, muss man erst einmal um ihre Existenz wissen, muss wissen, dass ihr Inhalt nicht weniger als eine musikalische Offenbarung ist. „The 5 EPs“ sind kein Stück entmotteter Historie, sie wirken heute noch wie visionäre Zukunftsmusik, zu der der Sound der Gegenwart nie aufgeschlossen hat.

Die Texte von Bandchef Ian Crause hingegen scheinen relevanter denn je: Er porträtiert das Schwinden gemeinschaftlichen Zusammenhalts zugunsten neoliberaler Individualitätsversprechen, Massenarbeitslosigkeit einhergehend mit gewissenloser Profitmaximierung, die Machtlosigkeit des Staates dem Kapital gegenüber, eine immer weiter klaffende Scherung zwischen arm und reich … Seine Stimme ist jedoch nicht der heisere Schrei eines Cobain oder der selbstbewusste Zungenhüftschwung eines Cocker, ihr desolater Sprechgesang wirkt eher wie eine Randerscheinung der digitalen Popsongs; ein Sinnbild des Menschen, der von rapider technologischer Entwicklung zu überwältigt werden droht.

Dabei waren Disco Inferno alles andere als fortschrittsfeindlich. Mit „Summer’s Last Sound“, der ersten der 5 EPs beginnend, wurde das Trio mithilfe von MIDI-Gitarre und -Schlagzeug zur Cyberband, die über digitale Interfaces ihre Instrumente nun vor allem nutzte, um Samples abzurufen. Eine Technik, die heute beispielsweise Gang Gang Dance oder Glasser live auch zu beeindruckenden Kreationen befähigt, die damals aber natürlich weitaus weniger ausgereift war. Niemand hatte je zuvor Musik wie diese gemacht und vermutlich wird es sie, mit ihrer Ambition, über ihre heute längst überflügelten technischen Beschränkungen hinauszureichen, nie wieder geben. Vielleicht klingt trotz seines blutgeladenen Textes „Love Stepping Out“, der zweite EP-Track und direkt das erste DI-Meisterwerk, deswegen so bewegend delikat, weil die Band selbst noch in aller Vorsicht ihre neue Identität ertastete. Am Rande knatterpocht es unruhig, im Hintergrund ziehen befremdliche Heuler auf, während im Zentrum eine manuell kaum nachspielbare Arpeggiomelodie durch den Raum gleitet.

Krachig rauscht hingegen „D.I. Go Pop“ auf, mit seiner metallischen Oberfläche an Shoegaze und Industrial-Rock erinnernd, doch ohne durchschlagende Tiefe, merkwürdig hohl, als hätte man den Kopfhörer nur halb in der Buchse drin und ein Teil des übertragenden Stereosignals wäre noch im digitalen Nirvana. Der Titel des reiberischsten aller Stücke ist denkbar unpassend, doch in den Geräuschwelten von „The 5 EPs“ verbergen sich meistens tatsächlich wunderbare Popmelodien, die im Verlauf der Jahre auch einen zunehmenden Optimismus ausdrücken. In den dystopischen Zwillingssongs „The Last Dance“ und „The Long Dance“ folgt auf die unvergessliche Zeile „In the end it’s not the future, but the past that’ll get us“ ein kunterbunter Regenbogen als Moment entwaffnender Schönheit, ein wenig an Animal Collective erinnernd stampft „The Atheist’s Burden“ munter voran und im göttlichen „Second Language“ entlädt sich das Zwielichtsfeld zwischen Glanz und Grauen mit einem „And we just smile“.

Obwohl Disco Inferno dazwischen ein Album herausbrachten, lässt sich ihre Entwicklung über diese EPs ohne allzu große Sprünge nachverfolgen. Die eine Ausnahme bildet die fünfte EP „It’s A Kid’s World“, ein postmodernes Potpourri, das nicht bloß sampelt, sondern unter anderem Iggys „Lust For Life“-Beat und Edith Piafs „Non, Je ne regrette rien“ großstückig zerschnipselt. Eigentlich deutet sich hier das nächste Kapitel der Band an, doch nach dem folgenden Album „Technicolour“ lösten sich Disco Inferno auf, frustriert von ihrer anhaltenden Erfolglosigkeit in Zeiten, die nach den Retrofreuden von Grunge und Britpop lechzten.

Und spätestens daher zieht diese Wiederveröffentlichung ihre Existenzberechtigung, ja, ihre Notwendigkeit: Um klarzustellen, dass diese Werke bewegend und wichtig sind, um zu ermöglichen, dass neben allseits Bekanntem auch die zu Unrecht vergessenen Schätze der 90er ihre längst berechtigte Würdigung finden. Denn so lange sich die Musikpresse an aktuellen physischen Veröffentlichungen aufhängt, so lange wird es vonnöten sein, eben mit solchen Aufmerksamkeit zu erwecken. Disco Inferno hätten sie mehr als verdient.

„The 5 EPs“ ist auf One Little Indian erschienen. Nicht minder essentiell ist das Album „D.I. Go Pop“.

4 Kommentare zu “Unerreichte Visionäre: Disco Inferno”

  1. Tom sagt:

    Uli, Uli. Ich bin angefixt :)

  2. Rumhörer sagt:

    Zitat: „Ich bin angefixt“
    „Ihr braucht nur einen Druck um gut drauf zu sein. Und zwar Play in eurem Tapedeck, wenn unser Tape drinsteckt“ – Samy Deluxe (als er noch klarging)
    Aber ja, was soll ich sagen, colle Band. Wen ich noch seit eben ganz gut finde sind oathbreaker.

  3. Pascal Weiß sagt:

    Uli, wieder mal wirklich sehr schön geschrieben. Und keine Frage: Du bist mit dem Herzen dabei;)

  4. […] Vor allem aber im uferlosen elektronischen Bereich gibt es derzeit einen wahren Reichtum an Schätzen zu finden, das zeigten unter anderem die Werke von Roman Flügel, Walls, Tropics, Balam Acab, Zomby, Machinedrum und Plaid in aller Deutlichkeit. Deutlich wurde auch, dass sich die interessanteste Musik meistens abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielt, sei es das emsige Schaffen von Sun Araw heute oder vor 20 Jahren das von Disco Inferno. […]

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