The StepkidsThe Stepkids

Je länger man über die Konstruktion dieser Songs nachdenkt, desto mehr verschwimmen Grenzen. Sind das nun originale Samples aus dem Soul der 70er oder selbstgespielte Passagen, die bloß zerdellt und in Patina getaucht werden? Ist das etwa echte Lavalampen-Psychedelik aus den 60ern oder stammt der Klang aus den eigenen Reverb-Pedalen der Band? Die Begriffe „Original“ und „Kopie“, „Zitat“ und „Anlehnung“ lösen sich im Fortgang dieses Albums sukzessive auf. Hier wird in offenen Systemen gedacht und musiziert, die Stepkids scheuen jegliche Festlegung. Gerade das macht dieses Debüt so außerordentlich spannend.

Wer die Stepkids für hoffnungslos altmodisch hält, hat nur teilweise recht. Sie favorisieren hörbar den warmen Analogklang, der immer ein bisschen diffus und rumpelig daherkommt und haben an ihre Instrumente Rückspiegel gepinnt, die unverhohlen in die Vergangenheit weisen. „„Suburban Dream““ klingt so blubbernd retro und nostalgisierend wie kein zweites in diesem Jahr. Ihr Songwriting jedoch ist hochmodern und greift tief in die Trickkiste, verbindet kongenial drei Jahrzehnte Popmusik zu einer eigenen Melange. Es scheint als gelten für diese Musiker keine Grenzen, was verheißungsvoll auch in die Zukunft blicken lässt. Finanzielle Absicherung finden die drei sowieso als Vertragsmusiker für Alicia Keys, Lauryn Hill, 50 Cent oder als Komponisten für Film- und Werbescores. Das schafft Freiräume für eigene Experimente, die sich nicht einem Durchschnittsgeschmack anbiedern, obwohl ihr Debüt durchaus zugänglich tönt. Nur die verwucherte Psychedelika und ständigen Richtungswechsel mögen diese Einschätzung leicht konterkarieren.

Ihre Inspiration sind das versponnene Hippietum, Fusion, klassischer Funk, mitunter alle gleichzeitig. Irgendwo dazwischen sind ganz gewiss zudem Reggae-Bassläufe, klassischer Soul, Porno-Funk und Space-Synthies versteckt. Man muss nur genau zuhören. Das vielleicht größte Verdienst ist es, dass diese Zerrissenheit nie unangenehm zutage tritt, sich vielmehr als einzig logische Konsequenz offenbart, was „The Stepkids“ zu einem äußerst fintenreichen Werk macht. Ständig wird hier bewusst angetäuscht und dann schnell umgeschwenkt – mit einem unschuldigen Blick, als hätte es derlei nie gegeben. „Suburban Dream“ braucht ein paar Sekunden, in denen man verdutzt noch einmal auf das Cover guckt, ob man nicht versehentlich einen Klassiker der Beatles aufgelegt hat, die fantastische Single „Shadows On Behalf“ packt das Räucherstäbchen aus und bimmelt zunächst auf feinstem New-Age-Niveau, bevor dann doch noch der Soul entdeckt wird, der später immer weiter mit psychedelischen Elementen gekreuzt wird. Nur einen Titel später musiziert sich das abgehangene Motown-Soundalike „Legend In My Own Mind“ geschickt an „No Woman, No Cry“ vorbei und „Wonderfox“ noch ein wenig später offensichtlicher an „We Didn’t Start The Fire“. Der Klimbim-Pop von „La La“ kuschelt sich sogar eng an Klassiker von The Free Design und scheint sich dort pudelwohl zu fühlen, schließlich sind die Basis jeweils eigene Melodien und Texte. Die gewiss höchst bewusst eingeflochtenen Querverweise bescheren jedoch immer wieder Momente besonderer Aufmerksamkeit und Verwirrung. Die Stepkids stehen dabei selbst über allem, mittendrin und dazwischen.

75

Label: Stones Throw

Referenzen: The Four Tops, Otis Redding, James Pants, J.Rocc, Stereolab, Jefferson Airplane, High Llamas, The Free Design, Gayngs

Links: Homepage | Myspace  | Label

VÖ: 23.09.2011

The Stepkids – Shadows On Behalf

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