TropicsParodia Flare

Man weiß nicht so genau, was es ist, man kann nur beschreiben, was es mit einem macht. „Es fühlt sich vertraut an, es ist ein ganz heimeliges Gefühl, in dem man gänzlich aufgehen möchte, obwohl es einem das Herz unerträglich schwer macht. Und viel zu unbestimmt, um nostalgisch zu sein“, so bestimmte Michael Döringer von De:Bug im Mai noch die einnehmende Wirkung von Songs des Hypnagogic-Pop-Duos Hype Williams in seinem sehr lesenswerten Artikel.

Das Debütalbum von Chris Ward alias Tropics arbeitet mit eben derselben strukturellen Offenheit, mit entrücktem und verhallten Gesang, der es sich in einer Hängematte aus watteweicher Musikstaffage bequem macht. Nie jedoch so verrauscht lo-fi, zerdellt und geschunden wie die Entwürfe von Hype Williams, nie so mit kantigen Samples und Synthies bestückt. Auf „Parodia Flare“ werden alle Kanten gerundet. Ätherisches und Assoziatives wird verquickt mit bloßen Ahnungen an das, was war. Einflüsse katalysieren neue Töne – es ist ein Spiel des Loslassens, das erst dann so sinnig gipfelt, wenn die technische Grundlage dies auch gewährt. Dass Chris sowohl Laptop als auch Analoges wie Schlagwerk und Gitarre beherrscht, spielt ihm da gewiss in die Karten. „Parodia Flare“ atmet so sehr viel Freiraum, berauscht sich am eigenen traumwandlerischen Fluss.

Das Besondere ist die Unauffälligkeit, die hier zwölf Tracks in Milde ertränkt, dabei aber immer das beliebig Diffuse vermeidet. Es ist eine hochgradig verwobene Mixtur aus allerlei Stilen, die sich im persönlichen Rückgriff auf Erinnerungen, Stimmungen, Gedanken und Gefühle zu Songs formen, aber vor allem Klanglandschaften bleiben. Der Hall ist dabei Wards bester Freund, ist verantwortlich für den Eindruck des permanenten Einsatzes von Weichzeichner und zu viel benommenem Taumel.

„Navajo“ zerdehnt zunächst Stimmen, kreiert einen weitläufigen Raum voll sanfter Schwingungen, die von der aktuellen Single „Mouves“ aber aufgebrochen werden. Schlagzeug und Blenden dominieren, dieser fast krautige Rhythmus spielt im Albumverlauf immer wieder eine Rolle wie auch der dumpfe Bass, der sich seinen Weg durch die vielen Schichten bahnt und oftmals Mühe hat, dem Pfad zu folgen, der ihm vorgegeben scheint. Denn „Parodia Flare“, das ist Musik nach dem Zwiebelprinzip, eine versponnene Mischung, die immer auch ein bisschen ziellos voranschreitet. Hier mal ein paar blubbernde Wassergeräusche und irisierende Klickerbeats, da ein paar Wolken, die wie in Zeitlupe vorüberziehen und die Tracks ineinander über fließen lassen.

Manch einer mag genau daran Anstoß nehmen: Echte Abwechslung gibt es nicht. Nur ewiges, berückendes Rauschen. Die Schichtungen und Schleifen hinterlassen nur eine Minimalstimulation im Hirn. Alles scheint verschwommen und halluzinatorisch, von einem wiederkehrenden Dunst umgarnt. Selbst „Going Back“ mit seinen verträumten Melodien, den Samplefetzen und dem bauchigen Bass fällt kaum auf, der liebliche Titeltrack ist sowieso längst im Fantasiereich, in das der Hörer folgen mag. Dort trifft er dann Jazz-Anleihen, schimmernde Marimbas bei „Ear Out“, Konzertgitarren bei „After Vision“ und gemütliche Ecken, in denen jegliche Gravitation der Gedanken aufgehoben scheint. Alles scheint Empfindung oder bloß majestätische Schönheit, die ihr Echo mit Schwung über „Parodia Flare“ auszugießen scheint. Einzig das superbe „Figures“ täuscht mit zerdehnten Vocals und digitalem Feuerwerk ein wenig Friedenstören an, der Rest schimmert beruhigend in einer Unaufgeregtheit, generiert Sehnsüchte, von denen vorher gar nicht bewusst war, dass sie existieren. Ein Album mit vielen offenen Enden. Und neuen Anfängen.

80

Label: Planet Mu

Referenzen: Chad Valley, Solar Bears, Oriol, Tycho, Active Child, Pocahaunted, Oneohtrix Point Never

Links: Albumstream | Homepage | Label

VÖ: 30.09.2011

2 Kommentare zu “Tropics – Parodia Flare”

  1. […] Reichtum an Schätzen zu finden, das zeigten unter anderem die Werke von Roman Flügel, Walls, Tropics, Balam Acab, Zomby, Machinedrum und Plaid in aller Deutlichkeit. Deutlich wurde auch, dass sich die […]

  2. […] 2011 hat mit dem Comeback von käsigem 80er-Jahre-Saxophon, Pornofunk, Disco, New Age und mit Hypnagogic Pop dafür gesorgt, dass Musik inzwischen als offenes System gedacht wird und gedacht werden […]

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