Vor zwei Jahren durfte man aufhorchen: Dear Reader formulierten mit ihrem fantasievollen „Replace Why With Funny“ eine sagenhafte Reise. Die Stücke waren leichtfertig wie Kinderlieder, doch im Grunde ihres Herzens waren sie schaukelnde Seiltänze, mit niedlicher Stimme vorgetragen und gewaltig verschnörkelter Instrumentierung. Dass Dear Reader aus Südafrika stammten und das Land am Kap der Guten Hoffnung bis dato nun wahrlich nicht als sprudelnder Quell geistreicher Popmusik bekannt war, verstärkte das Gefühl nur noch mehr: Diese „Band“ war irgendwie speziell.

Eine richtige Band ist Dear Reader nicht mehr. Der letzte vom anfänglichen Quartett übrig gebliebene Darryl Torr hat seiner Kameradin Cherilyn MacNeil den Rücken gekehrt, die jetzt formal alleine weitermacht. Das dritte Album „Idealistic Animals“ vertraut dennoch größtenteils auf dieselben Stärken wie das vorhergehende, klingt allerdings deutlich ausgefeilter, komplexer. Die kindliche Naivität ist jedenfalls flöten gegangen, was prinzipiell sehr schade ist. Dear Reader klingt jetzt, als habe sie sich in einem fürchterlich großen Irrgarten verlaufen. Doch panisch werden ist nicht: Mit der gebotenen Ruhe findet die mittlerweile-Berlinerin noch jeden guten Pop-Refrain, der sie durch das düstere Grün begleitet. Ihr Indie-Pop gewann in den letzten zweieinhalb Jahren an Vielfalt, verlor dabei jedoch die Kulleräugigkeit, die „Replace Why With Funny“ so herausragen ließ. Hinzu kommt eine psychotische Note, ein Gefühl des Unbehagens, welches sich im neu formulierten Sound manifestiert.

Man muss die Erwartungen, die an das dritte Album von Dear Reader zu stellen waren, jedenfalls abstreifen. Die kleine, bunte, lustig krabbelnde Raupe hat sich verpuppt und ist nun ein lilagrauer Falter, der das Licht nicht sucht, aber findet. Besonders gelungen sind vor allem die Songs, die eine Brücke schlagen wollen. Das soulige „Monkey (You Can Go Home Now)“ bezirzt mit konzentrischen Kreisen aus Melodie und Rhythmus. Dennoch scheinen sie nicht endgültig angekommen zu sein, viel huscht vorbei, bleibt nur für den Moment hängen und löst sich dann in Staub auf. Dies war beim City-Slang-Debüt zumindest nicht der Fall.

62

Label: City Slang

Referenzen: Cat Power, Regina Spektor, PJ Harvey, Arcade Fire

Links: Albumstream | Homepage | MySpace

VÖ: 02.09.2011

2 Kommentare zu “Dear Reader – Idealistic Animals”

  1. Also ich wage Widerspruch. Man sollte weiblichen Singer-Songwritern durchaus das Recht zugestehen, erwachsen zu werden und sich von knuddeliger bis lolitaresker Kindlichkeit zu verabschieden. Genau dies hat Dear Reader gemacht und den bedrückenden Texten einen ausgefeilt beschwingten Sound gegenüber gestellt. Die gemutmaßte psychotische Note ist schlichtweg Tiefgründigkeit, wie sie nur die besten Liedermacherinnen anzubieten haben. Und dass Macneil diese Denke nicht mit musikalisch-düsterem Synthie-Bombast zuschmiert, zeigt deutlich, dass das Fettnäpfchen der pathetischen Weltschmerzgeste übersprungen wurde.

    Habe dieser Tage eine zu obiger Besprechung geradezu konträre Beurteilung auf meinem Blog getroffen.

  2. kevin sagt:

    An und für sich begrüße ich sowas durchaus. In dem Fall war für mich die Naivität aber ein absolut essenzieller Grundfeiler des Debüts. Es handelte sich dabei ja nicht um blauäugige „Dummchen“-Songs, sie hatten ja wirklich einen feinen poetischen Anspruch. Der fehlt mir nun leider ein bißchen.

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