Haldern Pop 2011: Regen hin oder her

Samstagabend. Vor der Bühne nur noch Matsch. Die Leute feiern und singen, gemeinsam mit den Fleet Foxes, die genauso überwältigend sind wie vor drei Jahren im gemütlichen Spiegelzelt. Innerhalb so kurzer Zeit vom Geheimtipp zum Headliner – keine Seltenheit in Haldern. Vielleicht spielt der bislang noch recht unbekannte Paul Thomas Saunders in drei Jahren auch auf großen Bühnen. Sein toller Auftritt am Donnerstagabend in der Haldern Pop Bar jedenfalls sorgte für eine der angenehmen Überraschungen.

Ob Schirm und Mütze, Poncho oder gleich Barfuss: Auf dem diesjährigen Haldern Pop Festival hatte jeder seine eigenen Mittel und Wege, um Probleme zu bekämpfen, die in den Vorjahren keine waren. Da passte es doch ausgezeichnet, dass 2011 neben der Hauptbühne im Freien mit dem bekannten Spiegelzelt, der inzwischen ebenfalls etablierten Haldern Pop Bar und erstmals stattfindenden Konzerten in der Halderner Kirche reichlich Möglichkeiten zum Unterschlupf gegeben waren. Doch alles der Reihe nach.

Direkt zu Beginn, am Abend des Festivaldonnerstags, teilte sich das Camp in zwei Gruppen, von denen eine auf Yuck schwörte und die andere eine gute Viertelstunde zwischen Feldern hindurch zur Haldern Pop Bar wanderte. Um einen 20-jährigen aus Leeds zu hören, von dem keiner mehr kennt, als diesen einen phänomenalen Song.

Die Pop Bar: voll und heiß. Paul Thomas Saunders, optisch eine Mischung aus Robert Smith und Craig Nicholls, hat zweifelsohne den zurückhaltenden Charme, mit dem man dieser Tage sehr schnell sehr weit kommen kann. „Appointment In Samarra“ nahm wohl selbst die auf der Straße vor der Bar Verbliebenen gefangen. Entgegen der Verweise auf seiner Homepage gab es viel weniger Songwritermusik denn ganze Songs für Bands.

Darin lange, nebelige Passagen, in denen sich traditionelles Akustikklimpern und shoegaziges Wabern mischten. Saunders‘ beachtenswerte, hohe Stimme schnitt sich mal mit glatter, mal mit rauer Klinge durch seine Stücke, die schwer und schwermütig wirkten, im rechten Moment aber Luft bekamen. Gerne hätte man noch so viel mehr gehört, als der letzte Applaus verebbte. Vermutlich war da aber einfach eben noch nicht mehr als diese halbe Stunde, die für 2012 bereits einen ersten Ausblick erlaubte.

Mit den Avett Brothers oder Anna Calvi gab es anschließend buntes Programm im Spiegelzelt, das einigen Festivalbesuchern so viel wert war, dass diese sich gut 90 Minuten in die Schlange stellten. Ähnliches hatten am Freitagmittag auch diejenigen zu berichten, die sich für Matthew & The Atlas und den großartigen Country Gentleman Josh T. Pearson am Eingang zur Haldern Pop Bar einreihen durften.

Pearson selbst kam zwar wie erwartet eine ganze Weile zu spät, war dann aber unerwartet humorvoll. Etwa als er den vor den Fenstern Wartenden zu verstehen gab, dass es drinnen viel schöner sei, man dafür aber auch pünktlich zu erscheinen habe. Wenig später ein kurzes „Well, serious face now“, bevor seine Klagelieder nicht nur bei den traurigen Damen in den ersten Reihen so manches Gesicht erstarren ließen.

Weiter trauern dann auf der großen Bühne, als bereits nachmittags die tollen Antlers gegen dichte Wolken ankämpften und später die „Etablierten“ Gisbert zu Knyphausen oder Okkervil River in vertrauter Umgebung leichtes Spiel hatten: „Es ist ein wunderschöner Sommertag“, naja, mit ein wenig Nachdruck konnte man sich auch das irgendwie einreden.

Der Samstagnachmittag wartete diesmal schon ungewöhnlich früh mit zwei echten nominellen Highlights. Schließlich dürften sich Destroyers “Kaputt“ und James Blakes selbstbetiteltes Debütalbum am Ende des Jahres wahrscheinlich nicht nur in der AUFTOUREN-Bestenliste wieder finden. Das unbeständige Wetter sowie das zu diesem Zeitpunkt noch etwas verschlafen wirkende Publikum stellten die beiden Hochkaräter aber vor nicht allzu geringfügige Schwierigkeiten.

Dem schwülen Softrock von Destroyer hätte ein strahlender Sonnenuntergang jedenfalls wesentlich besser zu Gesicht gestanden als vernieseltes Trübsal. Dennoch löste die Band ihre Aufgabe ziemlich gekonnt, indem sie von den Umständen vollkommen unbeeindruckt und musikalisch mehr als souverän ihr stark auf das letzte Album fokussierte Set herunterspielte. Ein zwischen den Songs gewohnt wortkarger Dan Bejar strahlte dabei mit seinen geschätzten zwei Metern Körpergröße eine nicht zu verachtende, sanftmütige Bühnenpräsenz aus. Für einen ganz großen Konzertmoment fehlte dem Auftritt, Saxophon hin, Trompete her jedoch trotzdem so etwas wie der letzte Funken Elan.

Noch schwieriger hatte es dann der darauf folgende James Blake, dessen Debütalbum sich ja gerade durch seine Fragilität und Lückenhaftigkeit auszeichnet; Eigenschaften, die sich nur schwerlich auf die große Open Air-Bühne herüberretten lassen. So wirkte selbst der vertraute niederländische Moderator etwas verlegen, als er erklären wollte, warum man den jungen Mann ausgerechnet mit diesem äußerst undankbaren Hauptbühnenslot bestraft hatte.

Warum der Auftritt des Briten letztendlich trotzdem funktionierte, rührte dann zum Einen vom Versuch her, die Möglichkeiten der PA vollends auszureizen, um die noch etwas unaufmerksamen Teile des Publikums mit voller, physischer Dubstep-Wucht zu übermannen. Zum Anderen an einigen auflockernd eingestreuten Stücken von Blakes letztjähriger „Klavierwerke“-EP, die dem Set das nötige Quäntchen Tanzbarkeit verliehen. Die letzten Nörgler und Kritiker seines Albums wird er damit zwar immer noch nicht zum Verstummen gebracht haben, das Beste aus den Möglichkeiten herausgeholt hatte er aber allemal.

Den Eindruck konnte später auch jeder gewinnen, als Dan Mangan sich im Spiegelzelt keines Geringeren als Elliott Smiths annahm: „Waltz (Part II)“ – und der Regen prasselte weiterhin unnachgiebig von draußen an die Zeltwand. Zumindest für die Fleet Foxes hielten sich die Wolken hinterher kurzfristig zurück. Auch wenn der Boden eher einer großen Pfütze glich, hier hält man gern durch, denn Songs wie „Mykonos“, „Your Protector“ oder „The Shrine / An Argument“ sind jetzt schon die Klassiker eines Sets, das sowieso ausschließlich aus Hits besteht.

Und all diejenigen, die es drei Jahre zuvor nicht in das Spiegelzelt geschafft haben, durften bei „White Winter Hymnal“ nun vor der großen Bühne mit anstimmen. Regen hin oder her. (Text: Bastian Heider, Pascal Weiß & Sven Riehle, Fotos: springerparker/buckstegen)

Haldern Pop 2011 im TV ab heute Nacht:

In der Nacht vom 20. auf 21.08.2011 von 00.40 – 04.40 Uhr u.a. mit: Destroyer & James Blake

In der Nacht vom 21. auf 22.08.2011 von 00.15 – 02.15 Uhr u.a. mit: Fleet Foxes & Okkervil River

In der Nacht vom 26. auf 27.08.2011 von 00.45 – 02.30 Uhr u.a. mit: Gisbert zu Knyphausen

4 Kommentare zu “Haldern Pop 2011: Regen hin oder her”

  1. Su83 sagt:

    Sehe ich ähnlich. Trotz des Regens wieder einmal ein tolles Festival!

  2. Phil sagt:

    Der Paul Thomas Saunders kann ja was! Gerade die Four Songs in Twilight besorgt, vielen Dank für die Empfehlung an dieser Stelle!

  3. […] Haldern, Dockville, Appletree … Es waren weniger die Tonaufnahmen, die zu Beginn der zweiten Jahreshälfte die denkwürdigsten Erlebnisse boten, als vielmehr die Festivalsaison in voller Sommerblüte. Auch wenn es nie lange trocken blieb. In Sachen Neuerscheinungen waren die Höhepunkte hingegen rar gesät, umso klarer steht am Ende dieses Quartals das meisterliche dritte Album von Annie Clark alias St. Vincent als redaktionsübergreifender Konsensliebling heraus. […]

  4. […] sich die Bilder nicht gleichen: Letztes Jahr noch anhaltender Starkregen, dieses Wochenende nur Sonne, soweit das Auge blendet: Das 29. Haldern […]

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