6 cl Prosecco, 4 cl eines bekannten Szene-Likörs, Sodawasser und Eis, dazu eine Orangenscheibe als Dekoration, genauso lässig wie der längst in den Strandbars und Straßencafés dieser Welt angekommene „Schpritz“ lässt Devonté Hynes seine Sommermelodie erklingen.

Und dabei hätte alles ganz anders kommen können. Jener Herr Hynes konnte sich nämlich nie so richtig entscheiden und hat doch stets die richtigen Rezepturen bei der Hand. Mit den Test Icicles setze er einst brachial-romantische Spitzen und jagte auf deren einzigem Album mit einem Mal jegliche Melodieseligkeit der angesagten neuen Post-Punk-Bands durch den Schredder. Dass so etwas nicht lange währen muss, erkannte er selbst am besten, löste die verbleibenden Kristalle auf und kratzte die verbleibenden Melodiefragmente eiligst zusammen. Mit Lightspeed Champion wurden diese zu einem eleganten Pop-Potpourri zusammengerührt, doch der lange Nachhall blieb aus, denn auch hier reichte es nach zwei Alben eher zu einem kurzen Empfang denn zu einem abendfüllenden Exzess.

Blood Orange ist somit dritter Anlauf und wiederum eine fast komplette Neuausrichtung. Perlend wie Schaumwein, süß-säuerlich wie frisch gepresster Orangensaft und bitter wie Aperol kündigt sich „Coastal Grooves“ an, das gleich zu Beginn die drei erlesensten Kostbarkeiten im Programm hat. Vorbei ist die Radikalität, mit der Hynes noch vor gut fünf Jahren den Tanzboden enterte, die Tempi sind gemessener, ein Hang zum Beat der 80er nicht zu verleugnen. „Forget It“ kokettiert mit dem Hörer, der beschwingt in den noch jungen Abend starten mag. Ein wenig Fuzz-Gitarre lässt die Muskeln zucken, das Bein wippt mit und die Gläser werden frisch gefüllt. Augenscheinlich ein Exot, vielleicht ein Mai Tai, der sich jetzt im Glas befindet, denn die im Album-Cover versinnbildlichte Fernostästhetik schlägt sich auch musikalisch nieder. Die Intervalle rufen „China Girl“ und ja, David Bowie ist manchmal gar nicht so fern. Zumindest in „Sutphin Boulevard“, welches feinsinnig abgestimmt und mit behutsamer Klangexotik aufwartet. Im folgenden „I’m Sorry We Lied“ wird dann die Tanzfläche vollends gestürmt und die Reminiszenzen an die 80er Jahre werden noch deutlicher. Pate stand hier wohl Roland Orzabal, so einfach und schmissig (man darf dieses Wort wieder sagen, oder?) können Songs einen Abend retten.

Hynes wäre eigentlich nicht Hynes, wenn nicht doch noch das ein oder andere Wagnis zu bewerkstelligen wäre. Doch „Coastal Grooves“ verfügt über ein so unverschämt hohes Maß an Eingängigkeit, dass einem die bittere Süße schon mal zu Kopf steigen kann. Zwang ist nicht, jeder darf, keiner muss. So kann es passieren, dass die Songs bei häufigem Hören schon mal einfach nur so durchrauschen, verbergen sich die geschmacklichen Höhepunkte doch zuweilen im durch und durch ausgewogenen Klangbild. Der Kitzel an der Zungenspitze verblasst ein wenig auf Albumlänge, das mag vor allem an der stimmlichen Ausrichtung Hynes‘ liegen, die sich wie eine Zitronenspirale am Glas entlang hangelt und das Gesamtbild aufhübscht. Ohne Vorbehalt genossen werden kann sie dann aber doch nicht. So wünscht man sich zuweilen einen Spritzer Schärfe, ein wenig Prickeln oder auch einen Schuss sahniger Geschmeidigkeit, von der vor allem bei „Instantly Blank (The Goodness)“ ein großzügiger Schluck untergerührt wird.

Gut, dass kurz vor Schluss noch dass großartige „The Complete Knock“ die Discokugel herunter holt. Die Gläser sind inzwischen mit perlendem Champagnercocktail gefüllt und die Lichtorgel taucht die Tanzfläche in 54 Rosatöne. Hynes schnappt sich die Stammgäste und funkt und jammt mit solcher Selbstverständlichkeit, dass die lustige Elektrominiatur in der Mitte für glänzende Gesichter sorgt. Das schwüle „Champagne Coast“ hingegen beendet dann den Tanzreigen, die Plüschsessel am Rand werden belegt, der Augen wenden sich nach oben und unter dem Drehen und Kreisen der bunten Lichter verschwimmt der Blick.

„Coastal Grooves“ ist dann tatsächlich ein Cocktail, der zwischendurch ein wenig Kohlensäure brauchen könnte, um nicht zu schnell schal zu werden. Doch für den Moment ist es die bestmögliche Platte, um aus diesem Sommer noch einen solchen zu machen.

75

Label: Domino

Referenzen: Lightspeed Champion, David Bowie, Tears For Fears, Twin Shadow, Prince

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VÖ: 26.08.2011

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