Es ist ein wenig wie auf einem Klassentreffen: Bereits am Nachmittag haben sich etwa 100 Personen auf dem Platz vor dem altehrwürdigen Hannoverschen Plattenladen 25music versammelt, um sich schon mal auf den Abend einzustimmen. Dort sitzen sie in der Sonne, trinken Bier oder moderne Brausen und unterhalten sich über dies und das, vor allem aber über die alten Zeiten. Hier und dort eine Umarmung und fast überall das identische Gespräch – na, lange nicht gesehen, aber heute, ja, da musste ich einfach kommen, ach, und erinnerst du dich an Frank, ja, der ist nachher auch da.

Wem zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist, was all diese Menschen an diesem Ort zusammengebracht hat, der muss lediglich ein Blick auf das Logo auf vielen der T-Shirts und Arme werfen: Eine Flamme über zwei angedeuteten Wellen. Hot Water Music sind in der Stadt und mit ihnen ihre Fangemeinde. Letztere ist an diesem Tag übrigens besonders fröhlich gestimmt, denn nicht nur, dass am Abend die Europatournee ausgerechnet im sonst so sträflich vernachlässigten Hannover beginnt, sondern zuvor ist auch noch ihr Hohepriester Chuck Ragan im anfangs erwähnten Plattenladen zu Gast, um dort ein kurzes Akustik-Set zu spielen. Und schon nach diesen knapp 25 Minuten ist der 5. August 2011 für einige der Anwesenden der schönste Tag des Jahres, mindestens.

Abends ein ähnliches Bild: Überall glückliche Menschen, nur dieses Mal ist der Versammlungsort das Béi Chéz Heinz im Stadtteil Linden. Ein Laden, dessen Decken nur wenig höher sind als ein handelsüblicher 2-Meter-Mann und dessen Bühne eigentlich eher eine etwas breitere Stufe ist, die in der Mitte zudem von einem Betonpfeiler getrennt ist. Kurz gesagt also genau die Location, die für diese Art von Konzert gebaut wurde. Im Vorprogramm spielen Stand Fast sowie Make Do And Mend, und obwohl beide für ihren Einsatz ausreichend gewürdigt werden, so sind sie doch am Ende nicht mehr als der lockere Aufgalopp für das Quartett aus Gainesville, Florida.

Hot Water Music betreten schließlich pünktlich um 22 Uhr die Bühne und liefern in den folgenden gut 60 Minuten genau das, was alle erwartet und gewollt haben: Klassiker, Klassiker, Klassiker. Egal ob „Rooftops“, „Wayfarer“ oder „It’s Hard to Know“ – eigentlich hätten Chuck Ragan und Chris Wollard gar keine Mikrofone gebraucht, denn das Publikum singt ohnehin jede Zeile lauthals mit.

Am Ende haben alle Anwesenden den Schweiß von mindestens hundert anderen Mitstreitern am Körper, an meiner Jeans klebt ein wenig (fremdes) Blut und würde es jetzt noch von der Decke tropfen, dann wäre das alte Punkrockklischee komplett. Nur dass es eben kein Klischee ist, sondern schlicht die Geschichte einer Band und ihrer Fans. Die Geschichte einer großen Liebe.

Hot Water Music sind noch bis Ende August auf Europatour, u.a. in Saarbrücken, München und Schweinfurt. Das nächste Soloalbum von Chuck Ragan steht im September an.

Foto: Chrissy Piper

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