Reib (I): Rückgratsgedanken & die Pleite mit der Flasche

„Weißt Du, was mich echt zur Weißglut bringt“, nuschelt Reib in die wieder mal fusseligen Haare seines Barts, während er die Selbstgedrehte mit den Lippen anfeuchtet, „das sind diese Leute, die an der roten Ampel stehen bleiben und brav warten, aber dann loslaufen, sobald ein Haufen anderer einfach drüber marschiert.

Scheiß Opportunisten. Solchen Menschen fehlt es an Rückgrat, daran krankt unsere ganze Gesellschaft.“ Ansgar, einer derjenigen in Reibs Freundeskreis, der die Uni endgültig hinter sich lassen konnte, hört ihm nebenbei zu. „Ach, komm, da gibt es doch Schlimmeres.“

„Findest Du? Ne, jetzt echt mal. Steht da eine Minute, dieser Kerl. Und wartet. Sobald jedoch das ganze Pack läuft, geht er mit. Was, wenn dieser Typ, ich nenne ihn einfach mal Berthold, ja, was, wenn der das nächste Mal wählen geht. Was wählt der? Was wählt Berthold?

Vielleicht das, was ihm die anderen gerade sagen? Das, was gerade so „in“ ist? So einer frisst Dir doch aus der Hand, sobald Du Teil einer größeren Menge bist. Wo ist da Platz für Persönlichkeit?“ Ein Schluck Lütauer Rhabarberschorle zwischendurch, das tut auch mal gut.

„Ach komm, Reib, dieser Berthold, das ist ungefähr so, als hättest Du Angst, geblitzt zu werden, aber in dem Moment, in dem alle auf der rechten Spur 30km/h mehr auf der Pfanne haben als Du, da beschleunigst Du auch, da denkst Du Dir doch, da kann Dir nichts passieren.“

„Berthold, pah, so einer hat gar keinen Führerschein.“ Ansgar verdreht daraufhin die Augen.

Reib ascht in die nunmehr leere Siegel-Pils-Flasche und legt die inzwischen nur noch halbe Zichte behutsam darauf ab. Der durchs Fenster kommende Wind ist bitter nötig, da der Dachboden an diesem heißen Sommertag eher einem finnischen Aufguss gleicht. Dennoch weht er den Rauch unnachgiebig in Ansgars Richtung, der daraufhin leicht die Augen zusammenkneift. Vielleicht aber auch wegen des Plattencovers, das Reib ihm direkt vor die Nase hält.

„Hier“, habe ich mir vor ein paar Wochen zugelegt. Seitdem ständig auf dem Plattenteller, Ty Segall. Reib setzt die Nadel auf und nölt die ersten Zeilen mit: „It speaks like the … Mist, falsche Seite. Also, natürlich nicht. Gute Seite, aber sollte man nicht eigentlich mit A, ich meine …“

Eine beruhigende Geste Ansgars bringt Reib zurück. Das hat er echt drauf. Wobei keiner so genau zu beurteilen vermag, ob diese beruhigende Art nun seinem Job oder dem Gras geschuldet ist. Jedenfalls kifft Ansgar, seitdem er Jurist ist. Und da er damit so schnell nicht aufhören möchte, wird dieses Rätsel noch eine Weile auf seine Auflösung warten müssen.

„Großartiger Song, oder? Naja, hat mir jedenfalls Glück gebracht, diese Scheibe, oder auch nicht, je nachdem.“

„Wieso?“

„Ach, habe da gestern im ‚Techtelmechtel‘ so ’n echt nettes Mädel kennengelernt. Grundsympathisch. Mitten beim Kickern, ausgerechnet beim Stand von 5:5, da geschieht es. Als wüsste sie, dass sie mich damit ablenken könnte, haut sie was von Ty Segall raus. Summt das einfach so.

Natürlich erstmal ein satter Fehlschuss. Erzählt mir dann, dieser Segall, der wäre auch sonst in einigen angesagten Bands als Drummer unterwegs, mache aber immer wieder solo Platten. Ein guter Freund habe ihr das empfohlen.“ Rauch steigt langsam aus seiner Nase empor: „Hat anscheinend echt Glück gehabt mit ihren guten Freunden.“

„Ach, Du kickerst zu viel, Reib.“ Spöttisches Lächeln, dennoch liebevoll.

„Allein das Cover“, Reib hält Ansgar die Platte nochmals vor die Augen, „schau Dir das an. Dieses Schlappohr.“ Er nimmt einen kräftigen Schluck, bevor sich sein Gesicht urplötzlich zu einer angewiderten Grimasse verformt. Reib spuckt. Trinkt aus der falschen Flasche, nämlich der, die er gedankenverloren direkt neben die andere gestellt hat, als er die Platte aufgelegt hat. Die, die dort schon seit geraumer Zeit, sprich mehreren Wochen ihr Eigenleben entwickelt: „Ist ja ekelhaft.“

Reib hastet Richtung Spüle, geradewegs auf das Küchenregal mit den Hanuta-Bildern von Nowotny, Brdaric, Jeremies und anderen EM-Helden aus 2004 zu. Spuckt noch drei-, viermal zwischen das Nudelsieb, die Gläser, Teller und Töpfe, die da so verloren liegen, um die sich auch schon länger keiner mehr gekümmert hat: „Bäh … diese Brocken.“

„Goodbye Bread“ von Ty Segall ist auf Fat Possum Records erschienen.

10 Kommentare zu “Reib (I): Rückgratsgedanken & die Pleite mit der Flasche”

  1. Jens sagt:

    Menno ich will weiter…

  2. Fridtjof sagt:

    So true… and familiar!

  3. WG sagt:

    Da musste ich jetzt echt einige Male ziemlich schmunzeln,gefällt mir ausgesprochen gut.Aber hey,ist das irgendwie…autobiographisch?;)

  4. Lennart sagt:

    Bring den Satz, Pascal, also, falls Du Dich an ihn erinnern kannst, ich überlasse ihn Dir gerne… mich fragt ja nie wer sowas.

  5. Pascal Weiß sagt:

    Autobiografisch? Ne, von dem Gedanken muss man sich lösen;)

    @Lennart: Welcher Satz? Verdammt, habe ich anscheinend echt vergessen. Da ist er dahin, der Joker.

  6. Lennart sagt:

    ach, dann bleibt er eben mein…

  7. Lacsap sagt:

    Lacsap zu Lacsap auf dem Weg zum FZW: Und übrigens, das ist nicht annähernd autobiografisch!
    Lacsap zu Lacsap zurück: Ja ne, is klar! Solche Gesprächsthemen bei nem Siegel-Pils und starker Musik würden in mir auch eher Bröckchen-Regen verursachen ;-)
    Ganz stark!

  8. Pascal Weiß sagt:

    War mir fast klar, dass Du dahinterkommen würdest;)

    @Lennart: Ach, komm schon, das ist nicht fair.

  9. Lennart sagt:

    @pascal: Mein lieber Pascal, um die Antwort zu erhalten, musst Du schon die richtige Frage stellen. Ich wollte das ja gar nicht so aufbauschen, denn am Ende läuft’s dann nur auf ein „Ach so…“ hinaus, deswegen schlage ich vor: vergessen wir’s (-:

  10. Ole sagt:

    Menno ich will weiter… dachte ich auch!

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