Plattenkritiken


Gehacktes! Aktuelle Alben im Schnellcheck

Battles – Gloss Drop

Es war eine der großen Überraschungen 2007, als Battles die Art-Rock-Nische mit dem mathigen Seltsam-Hit „Atlas“ transzendierten. Der anschließende Erfolg scheint das Trio aber ebenso wenig belastet zu haben wie der Weggang ihrer bisherigen Stimme Tyondai Braxton, nicht nur der Gesang Matias Aguayos, auch die gewohnt verstrickte Musik wirkt auf „Ice Cream“ guter Laune. Mit einer kleinen Perkussions-Armada aus Schellen, Kuhglocke, Klatschern und vor allem Steel-Drums kommt bei „Inchworm“ und „Dominican Face“ gar ein Stück Karibik-Wärme auf. Allerdings fallen nicht alle Gast-Vocals gelungen aus, Kazu Makino wirkt deplatziert bis unnötig und Gary Numan stört im cyber-dramatischen „My Machines“ eines der wenigen Stücke, das in seiner atmosphärischen Intensität der von „Mirrored“ ebenbürtig wäre.

Auch wenn bei Battles drei Mitspieler nicht bloß drei Instrumente bedeuten – von getriggerten Samples über hochgepitchten Bass und synth-modulierte Saiten bis zum Gitarre-Keyboard-Simultanspiel Ian Williams’ klingt weitaus mehr durch, als augenscheinlich – wirkt „Gloss Drop“ stellenweise geschmälert und ideenarm. Von John Staniers überpräsentem und mitunter schon geradlinig wuchtendem Schlagzeugspiel hat sich die Komplexität nach oben verschoben zu unkonventionellen Melodieverstrickungen, die zwar in synthetisch-alienhaftem Sound aufregend ungitarrig klingen, aber nicht immer über die volle Spielzeit packend bleiben. Wer schon „Mirrors“ zu anstrengend fand, wird ohne dessen Pop-Handreichungen mit „Gloss Drop“ erst recht Probleme haben, allen anderen führen Battles weiterhin die Zukunft der Musik schon heute auf hohem Niveau vor. (Uli Eulenbruch)

Referenzen: PVT, Deerhoof, 65daysofstatic, Gang Gang Dance, Marnie Stern

Label: Warp | VÖ: 03.06.2011 | Links: Albumstream / Homepage / Facebook

Herman Dune – Strange Moosic

Viel zu melodieverliebt und im Pop verhaftet, um noch als Anti- oder Weird Folk durchzugehen, andererseits aber immer noch zu verschroben und grundbekifft, um an der Seite der an allen Ecken sich zusammenrottenden Retro-Traditionalisten zu marschieren. Genau das beschreibt das französisch-schwedische Familienunternehmen Herman Dune nun schon seit mehr als beachtlichen zehn Alben in elf Jahren. Der übliche Weg zu immer eingängigeren Arrangements und aufwändigeren Produktionen hat der Band dabei jedoch, anders als so vielen ihrer Kollegen, kaum geschadet, denn im Zentrum all ihrer Alben stehen am Ende immer wieder ganz allein ihre genauso humorvollen wie herzerweichenden Geschichten, in denen sie ein Kauzigkeits-(nicht Niedlichkeits-)szenario entwerfen, dem man sich als Mensch mit nur ein bisschen Herz und Verstand schwer entziehen kann.

Böse sein wird man diesen Woody Allens des Indiepop wohl für kaum etwas, auch nicht für ihr neuestes Album “Strange Moosic”, das mit dem üppig geschichteten Opener “Tell Me Something I Don’t Know” inklusive Mad-Men-Star Jon Hamm im dazugehörigen Video den nächsten großen Schritt der BandbBiographie einleitet. Auch hier konnten ein richtiges Aufnahmestudio, gelegentliche Gitarrensoli und jede Menge professionell garnierter Backgroundgesang den ursprünglichen DIY-Charme der Band niemals so ganz übertünchen. Das bisher eingängigste Herman-Dune-Album wartet neben frohlockend polternden Rhytmussektionen mit jeder Menge klassischen Folkrock- und Americana-Verweisen und leider auch ein klein wenig Beliebigkeit auf. Mit etwas platt dahinschwofenden Uninspiriertheiten wie “The Rock” sollten echte Fans aber spätestens dann wieder versöhnt sein, wenn Herman Dune mit so unfassbar wertvollen Weisheiten wie “You should never go swimming with a heavy heart.” um sich werfen. Im Inneren dieser Band schlägt eben ein widerspenstiges, kleines Herz, das selbst mit einer Autotune-geschwängerten Co-Produktion Timbalands und Ross Robinsons nicht so schnell kaputt zu bekommen wäre. (Bastian Heider)

Referenzen: Syd Matters, Mountain Goats, They Might Be Giants, Adam Green, Clem Snide, The Thrills

Label: City Slang | VÖ: 27.05.2011 | Links: Albumstream / Homepage / Facebook

Hyetal – Broadcast

David Corney aus Bristol mag den ganz großen Überblick. Sein Debüt „Broadcast“ spart sich fast gänzlich die eigene Positionierung und fasst einfach einmal mit großer Geste die letzten beiden Jahre elektronische Musikevolution zusammen: Das Ende von Dubstep, der Anfang vom Post-Dubstep, der Beginn von Chillwave, das Ende von Chillwave, das Aufflackern von Witch House, das weiterhin brodelnde Ambientgewusele, das Rankuscheln von House und natürlich auch den großen Brückenschlag hin zu den 80ern.

„Beach Scene“ ist ein solcher Bastard aus staubtrockenen Beats, flanierenden Synthies und jeder Menge Sonnenbrand. Das verträumte „Diamond Islands“ lässt sich von den nervösen Beats überhaupt nicht beeindrucken und geht mit stoischer Ruhe seine Runde, nicht aber, ohne leiernde Schlaufen sehnsüchtiger Erinnerungen einzupacken. Vieles bleibt dabei Andeutung – ein Prinzip, das das komplette Album prägt und selbst vor den klubbigeren Titeln nicht halt macht, die immer aus Abwechslungsgründen eingeschoben werden. Dort drohen dann düsteres Geklapper, verschalte Beats und ausgewaschene Synthesizer, bis nur einen Funken später die Sonne über den Boulevard geschickt wird. Dass das meist viel eher amerikanisch als britisch klingt, ist wohl auch der inzwischen höchst engen Verknotung der einzelnen Szenen geschuldet, dem globalen Popentwurf. Das schmälert das Ergebnis aber nicht im Geringsten, denn „Broadcast“ ist ein überaus vielseitiges, aber in sich exzellent geschlossenes Album. (Markus Wiludda)

Referenzen: Peverelist, Guido, Girl Unit, Kahn, Julio Bashmore

Label: Black Acre | VÖ: 09.05.2011 | Links: Albumstream / Facebook / Myspace


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Ein Kommentar zu “Gehacktes! Aktuelle Alben im Schnellcheck”

  1. Bastian sagt:

    Das Battles-Cover harmoniert sich ja erstaunlich gut mit dem immer noch nicht weniger grenzwertige Startbild.

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