AUFTOUREN beim Primavera Festival: Musik im Überfluss

Freitag, 27.5.2011

Der zweite Festivaltag begann im Grunde, wie der erste aufgehört hatte: äußerst vielversprechend, nur diesmal ohne große Überraschungen. Avi Buffalo klangen auch live wie die Shins, Tennis wie auf Platte und Julian Lynch gab sich erfolgreich alle Mühe, genau dies gerade nicht zu tun. Male Bonding überzeugten nur mit ihren eingängigsten Stücken und M. Ward führte im Anschluss vor, wie man Countryfolk erfolgreich auf einer Hauptbühne präsentieren kann. Die meisten Besucher sehnten zu diesem Zeitpunkt aber nur noch den Auftritt James Blakes auf der kleineren Pitchfork-Stage herbei.

Es sollte, wie erwartet und erhofft, eine äußerst sympathische und lohnenswerte Angelegenheit werden. Blake gelang es mit Unterstützung eines Drummers und eines Gitarristen, in beeindruckender Manier seine fragilen Kompositionen zu präsentieren. Im Vergleich zur zurückliegenden Klubtour durch Europa hatte Blake jedoch bei diesem Massenevent mit einer nicht unerheblichen Schwierigkeit zu kämpfen: der Geräuschkulisse. Manchem fehlte es da wohl am nötigen Respekt, um den Stücken einfach mit Ruhe zu begegnen. Dass „Limit To Your Love“ bei Youtube inzwischen weit über fünf Millionen Aufrufe hat, spricht natürlich nicht nur für dessen Qualität, sondern eben auch Bekanntheitsgrad. Zu allem Überfluss war in den ruhigen Momenten auch noch M. Wards Reibeisenstimme von der Nachbarbühne zu hören und zauberte Blake nicht nur einmal ein gequältes Schmunzeln ins Gesicht. Das war mehr als nur ärgerlich und keinesfalls angemessen.

Ariel Pink´s Haunted Graffiti hatten der Außenwelt da schon sehr viel mehr entgegenzusetzen. Wieviele Leute beherrschen eigentlich inzwischen die Texte von „Round And Round“ oder „Bright Lit Blue Skies“? Damit ist Ariel Pink wohl inzwischen endgültig aus der Nische herausgetreten, in der seine Musik über so viele Jahre versteckt schien. Von Belle & Sebastian kann man Derartiges wohl eher nicht behaupten, da die Schotten bereits seit Jahrzehnten eine Instanz auf europäischen Bühnen sind. Sie präsentierten ebenso wie tags darauf PJ Harvey auf der Hauptbühne ihre Songs meisterlich und souverän, bevor im Anschluss die Reunion von Pulp nach fast zehn Jahren endlich Realität werden sollte.

Hatte Jarvis Cocker sich am Vortag sogar noch unters Publikum gemischt, verdeutlichte die brillante Show am Abend dann vor allem, wie zeitlos die meisten Pulp-Songs eigentlich sind. Einem Stück sollte dabei sogar noch eine besondere Bedeutung zukommen: Nur Stunden zuvor war das Lager der Bewegung „Echte Demokratie Jetzt!“ im Zentrum Barcelonas von der Polizei mit Schlagstocken geräumt worden. Die Bilder gingen um die Welt und so widmete Jarvis Cocker den Demonstrierenden den vielleicht größten Pulp-Hit: „Common People“. Im Anschluss daran trat Jamie xx auf und spielte auch Stücke seines Remixalbums von Gil Scott-Herons „I´m New Here“. Am anderen Ende der Welt verstarb Scott-Heron in dieser Nacht im Alter von nur 62 Jahren. Es waren eigenartige Verwicklungen an diesem Tag. Dass Scott-Herons vielleicht wichtigster Titel „The Revolution Will Not Be Televised“ programmatisch über diesem Tag thronte, war letztlich nur konsequent.

Samstag, 28.05.2011

Tags darauf sollte jedoch wieder die Musik im Vordergrund stehen, wenngleich The Tallest Man On Earth dabei jedoch das gleiche Schicksal ereilen sollte, wie zuvor bereits James Blake: Zwar wurde Kristian Matsson bei einigen Stücken von zwei Musikern begleitet; seine spröden Akustiksongs konnten dann aber nicht mehr gegen das Zwei-Mann-Geknüppel einer spanischen Band namens Za! auf der Nebenbühne bestehen. Natürlich bewies Matsson trotzdem wieder einmal, welch angenehmer Festivalgast er ist. Was Süßes und was zum Mitsingen – wie jedem spätestens beim obligatorischen „King Of Spain“ klar geworden sein muss. Für mich persönlich war die Darbietung seiner Songs letztlich dennoch ermüdend, ich ging lieber zu Yuck – und sollte nicht der einzige sein. Ohne Umschweife und platte Attitüden, aber einer gehörigen Portion Leichtigkeit schmetterte das Quartett seine rotzigen Songs der Menge um die Ohren, dass der Afro Jonny Rogoffs hinterm Schlagzeug nur so bebte.

Danach schien die Zeit wieder reif für etwas Folk, für bärtige und langhaarige Kauze mit Gitarren. Und auch wenn die Einschätzung Phosphorescent vielleicht nicht wirklich gerecht wird, waren sie dennoch die perfekten Anheizer für die darauf folgenden Fleet Foxes. Nachdem deren Frontmann und Gesicht Robin Pecknold sich artig bedankt hatte, dass man sich nicht Richtung Champions-League-Finale abgesetzt hatte, spielten sie eine erstklassige Show. Freut euch, die ihr zum Haldern fahrt! Wenn auch einige der neuen Songs etwas zu komplex scheinen, um die Massen vollends in Bewegung und Begeisterung zu versetzen, kannte der Beifall am Ende keine Grenzen. Es folgten unter anderem noch ein famoses DJ-Set von James Blake, der wütende Auftritt des Odd-Future-Kollektivs um Tyler, The Creator und die großartig verstörende Show Animal Collectives, die niemand wirklich einzuordnen in der Lage war – viel zu aufreibend, bunt, anstrengend für den letzten Auftritt der Hauptbühne war das.

Es ist viel passiert in den letzten Tagen in Barcelona. Immerhin stand beim Primavera Festival die Musik im Vordergrund. Und wie waren eigentlich die Auftritte von Sufjan Stevens, Explosions In The Sky, The National, Gang Gang Dance, Kurt Vile, Low, Twin Shadow, Interpol, DJ Shadow oder Mogwai? Alle verpasst. Aber man kann auch nicht alles haben. Und so ist nur ein paar Tage und insgesamt 221 Bands später alles inzwischen wieder vorbei. Es war spannend, es hat sich gelohnt. Und auch hier war es am Ende eine klare Angelegenheit: Die Festivalsaison ist eröffnet, es steht 1:0 für Barcelona!

Fotos: Primavera Sound und Inma Varandela (Pulp, PJ Harvey & Fleet Foxes) / Dani Canto (Belle & Sebastian)

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