Queen hießen “Smile”, Snow Patrol “Polar Bear” und die Red Hot Chili Peppers hörten auf den knackigen Namen “Tony Flow And The Miraculously Majestic Masters Of Mayhem”. Kaum zu glauben, selbst die Barenaked Ladies wollten früher wild sein und traten in den Anfängen ihrer Karriere als “Free Beer” auf; hingegen änderten Green Day ihren Namen “Sweet Children” aus ganz offensichtlichen Gründen. Und Ford & Lopatin waren bis ins letzte Jahr “Games“ – bis ein lächerlich im Gesicht tätowierter Gangsta-Rapper namens Game und seine Plattenfirma Interscope Verwechslungsgefahr witterten und Klage androhten. Nur zum besseren Verständnis: Die einen sind zwei blasse Slacker, in ihrer Heimat auf einem Mini-Label und machen Synthie-Elektro, der andere ist ein massives G-Unit-Mitglied und rappt über “Nutten” (Frauen), Drogen und teure Autos aus einer Stuttgarter Manufaktur.

Überhaupt schien die Karriere bereits vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat. Sechzehn Jahre haben Daniel Lopatin vom Ambientprojekt Oneohtrix Point Never (das auch erst 2010 auf ganz kleinem Level den Durchbruch feierte) und Tigercitys Joel Ford an ihrem Nebenprojekt gebastelt. Mit ihrem Sound gehen die beiden Musiker, die sich der Sage nach früher bereits im Sandkasten gegenseitig die Förmchen klauten, ein bisschen in ihrer Vergangenheit spazieren, lassen die 80er Jahre in verkürzter Form wiederauferstehen. Dass die zeitliche Distanz Klänge und Erinnerungen überformt hat, ist spätestens bei den ersten Takten des Debütalbums klar: Was von den 80ern geblieben ist, ist ihr Klischee, die permanente Übersteigerung von Rollschuh-Disko (man höre auch noch einmal den Knaller von der ersten EP), Kassettenrekorder-Tüftelei, Schulterpolstern und Neon-Farben, die nun mit fahrigen Synthesizer-Songs ins Jahr 2011 katapultiert werden. Zerrissen und in einem transformatorischen Prozess gefangen, der hier alle Dämme brechen lässt: Wenn das buntgetupfte Casio bei „Channel Pressure“ gleich mit nostalgischen Pitches beginnt, eine Roboter-Stimme daherwackelt und sogar mit den Standard-Break-Ins gewerkelt wird, dann ist das immer nah an der Grenze des Geschmäcklerischen entlang musiziert.

Erstaunlich ist, dass dieser Flashback nicht permanent ironisch gebrochen klingt, nicht zu einer Karikatur seiner selbst verkommt, obwohl das Duo ganz genau weiß, was es da tut: „Too Much MIDI, Please Forgive Me“, heißt einer der furiosesten Titel des Albums, der synthetische Gitarren mit plumpem Beat und eindimensionalen Handclaps verbindet und zusammen mit einer abgehangenen Gesichtslosstimme an die besseren Tage der Junior Boys erinnert. Wahlweise natürlich auch an die radiogensten Titel vergangener Dekaden, denn hier wird mit Liebe zum Detail rekonstruiert: Quietschende MIDIs, wackelige und halb besoffene Laptops auf Safari in die Vergangenheit, in der man sich die Zukunft noch als futuristisch-spacige, bunte Elektronikwelt ausgemalt hat.

Ford & Lopatin – Emergency Room

„Emergency Room“ schüttelt hingegen ein bisschen die Sample-Hülle ab, rückt die slappende Basslinie nah ans Mikro, tunkt das Ganze in Drum-Machine-Beats, filtert flirrenden Glitter darüber und garniert den maximal kitschigen Schmock mit den maximal eingängigsten Melodien des Albums. Immer lässig genug, um diese permanente Affektion mit Dauerfarbstoff und 80er-Pettingsound erträglich zu gestalten, was auch Ziel der immer wieder auftauchenden Brüche und digitalen Widerhaken ist, für die Produzent Prefuse 73 natürlich ständig ein offenes Ohr hat. Den Rest besorgen die übersüßen Melodien, die besonders die zweite Albumhälfte pfeilergleich tragen, die mit „The Voices“, „Joey Rogers“ und „I Surrender“ eigentlich aus einem Meer aus warmen Keyboardsounds, klebriger Zuckerwatte und Vocodermanövern besteht. Da stören fast ein wenig die immer wieder dazwischen gemogelten Blenden und Interludes, die dem Album einen imaginären Fluss verleihen, aber sonst kaum Wirkkraft besitzen. Anders als der nostalgische Funke von „Break Inside“, der sich traumhaft im Soft-Fokus um ewige Sommer und junge Liebe windet, Ausbrüche antäuscht und letztlich zu einem bedächtigen Refrain ansetzt, während sich die surrende Elektronik um ihn dreht, jedoch die Unverletzlichkeit dieses Momentes nicht aufzubrechen vermag. In solchen Titeln holen Ford & Lopatin das meiste aus den Klängen heraus – eine Reminiszenz an die Jugend, an das Unbedingte.

Das stampfende „World Of Regrets“ macht aber abschließend deutlich, dass es hier immer nur um Anlehnungen geht, um Wiedererkennungseffekte und Stereotypien, nicht aber um eine Kartographierung einer Epoche. Hier suhlt sich zwar ein Duo in Kindheitsnostalgie, begreift aber gleichermaßen, dass dieses popkulturelle Erbe nur eine Spielwiese ist, um einen fantasiehaften Dialog auf vielen Ebenen der Erinnerung und musikalischen Tradition zu stimulieren und mit sublimer Aktualisierung und aktuellem Know-How fortzuführen. Das erfährt man besonders eindrucksvoll, wenn man nach dem Genuss von „Channel Pressure“ beherzt zu Platten der 80er Jahre greift und feststellt, dass Ford & Lopatin letztlich doch absolut zeitgemäß tönen.

76

Label: Mexican Summer

Referenzen: Yazoo, M83, OMD, Ultravox, Junior Boys, Hype Williams

Links: Albumstream | Facebook | FACT-Mix

VÖ: 03.06.2011

4 Kommentare zu “Ford & Lopatin – Channel Pressure”

  1. Philip sagt:

    leider nicht ganz so stark wie die hervorragende ep – aber dennoch überaus hörenswert. wobei rollschuh-disko ja mal mehr so was von siebziger ist :)

  2. Markus sagt:

    Ach, in meinem Bild funktioniert das auch noch in den 80ern mit der Rollschuhdisko ;) Zweite Hälfte des Albums find ich stärker als die EP, aber das ist alles auch nicht ganz so quietschend übertrieben. Lohnen aber definitiv beide sehr.

    Gerade höre ich auch viel Tyson und Sean-Nicholas Savage. Auch super, wenngleich noch käsiger! Wer dieses Album hier mag, sollte auch in das When Saints Go Machine-Album reinhören, was ebenfalls Freitag erscheint.

  3. […] aus Soundscapes, Störgeräuschen, eigenen Visuals und extremer Lautstärke wurde Daniel Lopatin zwar nur von wenigen, aber dafür außerordentlich […]

  4. […] Lopatin auch anders und vor allem poppiger kann, hat er unlängst mit seinem Nebenprojekt Ford & Lopatin bewiesen. Dessen Einfluss ist kaum zu leugnen und scheint das gesamte Sounddesign Oneohtrix Point […]

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