Jeder Strich ein Ton

Jeder Strich ein Ton

In der Astra Stube, einer kleinen Location in Hamburg, arbeitet Martina Lenzin. Während der Konzerte zeichnet sie die auftretenden KünstlerInnen und schenkt Getränke aus. In eigenen Worten beschreibt sie das auf ihrem Blog so: „Live bands live sketched by e_mol whilst serving beer. (How dare you to order drinks instead of surrendering to the music anyway?!)”. Gesammelt werden die Skizzen unter dem Namen „The Astra Stube Chronicles“ veröffentlicht. Menschliche Gesichter sieht man darin nicht, ob die Gestalten nun aber über Schnäbel oder Schnauzen verfügen, mag jedeR für sich selbst entscheiden. Welchen Namen man ihnen aufgrund dessen aber auch geben sollte, es sind Bands, und als solche stehen sie auf einer Bühne, darüber werden sie wahrgenommen, das haben sie gemein.

Konzerte in der Astra Stube sind eine gute Gelegenheit, um daran erinnert zu werden, was alles Musik sein kann, sie bei weitem nicht nur und schon gar nicht ausschließlich als Mittel zur Unterhaltung dient und auch nicht dienen darf. Die Atmosphäre dort ist anheimelnder als in größeren Locations, deren Publikum sich meist nach dem Zufallsprinzip aus Hipstern, ignoranten Schwätzern, Rumhüpfenden, drängelnden PlastikbecherträgerInnen und aufmerksamen HörerInnen zusammenzusetzen scheint, wobei letztere aber nur zu oft die kleinste Fraktion darstellen dürften. In dem kleinen Club unter der Sternbrücke aber ist das Verhältnis schon allein aufgrund der oftmals bedienten abseitigen Genres ein umgekehrtes.

An guten Abenden erfährt man dort etwas von der Hoffnung, dass die Beschäftigung mit Musik auch jenseits der offensichtlichen Funktionalität von mehr als nur individueller Bescheidwisserei oder Eskapismus motiviert sein kann, etwas, auf dem Gemeinsamkeiten zwischen Menschen gründen, als deren Ausgestaltung man gerade die einheitlich menschenuntypische Darstellung in den Skizzen Martinas begreifen könnte. Sie sind flüchtig, aber nicht alltäglich und bei aller Liebe zu einer detaillierten Darstellung von Euqipment und Kabeln seelenvoll und geradezu idyllisch. Und auch wenn die Intention, eine Spezies der Musikliebenden zu kreieren, nur unterstellt werden kann, die stets vorhandene Ähnlichkeit der Gestalten untereinander hat etwas von einer solchen Utopie.

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Dagegen ließe sich nun allerhand einwenden, zum Beispiel zeichnet Martina laut eigenem Bekunden einfach nicht so gerne Gesichter. Auch wird niemand noch lange nicht dadurch eine andere und freiere Person, dass er oder sie sich bevorzugt kleine Bands in kleinen Clubs anschaut. Ein solcher Mensch hat jedoch mit den Gruppen, die ihr Publikum in einer Location wie der Astra Stube finden, mehr gemein als mit den meisten Mitmenschen, vor allen Dingen Leidenschaft.

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„The Astra Stube Chronicles“ sind ein gelungener Ausdruck der Liebe zur Musik in Comicskizzen. Bei den darin vorkommenden Bands sind die Herzen größer als die Namen und gerade solche gewinnen durch die eigenwillige Darstellung Martinas mehr Kontur als durch eine naturalistische. In der Astra Stube auftretende Bands können sich dort nur durch Musik und Charme hervortun, für mehr ist dort und auch in Martinas Zeichnungen kein Platz. Ein Mangel entsteht dadurch nicht.

Martin Lenzin spielt Bass und singt bei den Honeyheads und gibt gemeinsam mit Marlene Krause die Comicanthologie „Two Fast Colour“ heraus. Vor kurzem erschien ihr erster Comicband „rpm„.

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