Es ist traurig, die Besprechung zu einem so wunderbaren Album wie “Nine Types Of Light“ mit einem Nachruf beginnen zu müssen. Gerard Smith, Bassist der amerikanischen Indierock-Gruppe TV On The Radio, ist kürzlich dem Lungenkrebs erlegen. Ein dunkler Schatten legt sich nun über ein Album, das eigentlich von innen heraus strahlt. Der Schmerz sitzt tief.

Wie geht man als intakte Band mit einem so herben wie plötzlichen Verlust um? Ist eine Band gefestigt genug, um weiterzumachen? Wird der Schmerz kanalisiert und mit Hilfe der Kunst in geregelte, berechenbare Bahnen gelenkt? All diese Fragen sind noch nicht zu beantworten. Noch nicht heute, und auch nicht morgen.

Dabei ist „Nine Types Of Light“ TV On The Radios bislang positivstes Album. Es drängelt nicht mehr so stürmisch wie zu Zeiten von „Return To Cookie Mountain“, alles fließt stetig. Farben laufen ineinander und generieren ein Gesamtbild, das Zärtlichkeit und Smoothness auf höchster Ebene vereint. Die Musik der New Yorker war schon immer sexy: Der samtene Soulgesang von Tunde Adebimpe, der sich wie ein Schleier über die knackigen Gitarren und den trockenen Bass legt, dazu das unaufgeregte Drumming von Jaleel Bunton, dem ebensoviel Aufmerksamkeit zuteil werden sollte. All diese Elemente machten das Quintett zu einem Konsens-Act mit Pioniergeist, auf den sich unterschiedlichste Lager einigen konnten.

Der Sound ihres neuen, fünften Albums – die Eigenproduktion „OK Calculator“ mitgezählt – ist etwas zurückgelehnter als noch auf „Dear Science“, alles klingt entspannter, luftiger, leichter. Viele sehen darin den Schwachpunkt der Platte, schließlich zeichnete „Dear Science“ diese kohärente Spannung aus, die sich über die Gesamtlänge aufbaute und sich abschließend im Quasi-Orgasmus „Lover’s Day“ verhängnisvoll entlud. „Nine Types Of Light“ hingegen ist keine eruptive Achterbahnfahrt durch sämtliche Stile. TV On The Radio genehmigen ihren Songs Zeit, die hektische Dringlichkeit ist einer den Songs innewohnenden Sensibilität gewichen, die Stücke wie das sechsminütige „Killer Crane“ auszeichnen.

Das Video zu „Will Do“ verdeutlicht in seiner perfekten Inszenierung die körperlich spürbare Attraktivität des Stückes, das die Nähe zum Pop ganz und gar nicht scheut. Eine besondere Qualität, die TV On The Radio seit jeher auszeichnet: Obwohl in den patchworkartigen Songs viel passiert und mit jedem Hördurchgang neue Elemente herausstechen, klingen sie stets homogen. Bester Beweis dürfte das schleichende „Forgotten“ sein, das wie ein Adler durch die Luft gleitet, mit selten gesehener Eleganz und Gleichmut Wolken kreuzt, bis kurz vor Schluss der Blutdruck steigt und der Song in einem verdienten Crescendo sein Ende findet.

Dass TV On The Radio auch Querköpfe sind, offenbart sich in der Reihenfolge der Songs: Das Album schließt mit dem zappeligen „Caffeinated Consciousness“, das in seiner aufwühlenden Tanzbarkeit prima auf „Dear Science“ gepasst hätte und nun ein Werk abschließt, das in seiner Grundausrichtung anders gepolt ist. So entlässt der Abschlusstrack den Hörer mit einem wohlig-nervösen Zucken in den Augenlidern.

„Nine Types Of Light“ ist also die letzte Platte mit Bassist Gerard Smith. Die Band sagte daraufhin einige Konzerte ihrer US-Tour ab. Wie es weitergeht, wird man demnächst auf der Bandhomepage lesen können. Im Sommer werden sie voraussichtlich einige Konzerte in Europa geben, darunter auch drei in Deutschland.

Wir wünschen der Band alles erdenklich Gute. Auf dass die Trauer bald vergeht und TV On The Radio in Zukunft weiter hervorragende Alben schreiben!

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Label: Interscope

Referenzen: Celebration, Yeasayer, Talking Heads, Fela Kuti, Funkadelic

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VÖ: 15.04.2011

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