Golden KanineOh Woe!

Da kommt zusammen, was zusammengehört. Als uns die überaus sympathischen Malmöer von Golden Kanine letztes Jahr auf dem Orange Blossom Special erzählten, dass Glitterhouse eines ihrer Lieblingslabel sei, war wohl schon vage abzusehen, dass sie früher oder später auch ihr nächstes Album dort veröffentlichen würden. Die Freude darüber dürfte indes eine geteilte sein, denn schon der damalige Auftritt deutete an, dass Golden Kanine genau jene Band sein könnte, die wieder mal etwas frischen Wind in die immer noch hochqualitative, aber manchmal etwas verschlafen wirkende Besetzung des Labels bringt. Ein Versprechen, das nun eingelöst wird?

„Oh Woe!“ beginnt mit unheilvollem Dröhnen und Rauschen, verwehten Stimmen aus dem Äther, irgendwie düsterer, als man sich das von diesen doch so freundlichen Schweden eigentlich erwartet hätte. Es folgt Melancholie, tiefe Melancholie, von der man nicht wissen kann, ob sie irgendetwas mit der berühmt-berüchtigten nordischen Schwermut zu tun hat. Bilden wir es uns einfach mal ein. Ein ganzer Satz richtungslos umherstreundender Banjos und Madolinen sowie ein einem geschlagenen Hund gleich aufjaulender Linus Lindvall eröffnen das erste Stück „Arkham“ und manifestieren damit ein Gefühl, das dieses Album umweht, wie die nur mühsam kaschierte Schnappsfahne den Alkoholiker. „Oh Woe!“ ist der Moment, in der die Trunkenheit dem Kater weicht. Trotz einzelner Momente des Aufbäumens nehmen der Schmerz, die Wehmut hier mit immer größerer Bestimmtheit die Überhand.

Dabei beweisen Golden Kanine, dass sie beim Erkunden der Schattenseiten des Lebens sowohl Bukowski als auch Pessoa gelesen, Modest Mouse wie auch Leonard Cohen studiert haben.  Das Leidensspektrum umfasst hier ein weites Feld vom zerrissen taumelnden Kneipenstomper mit Hitpotenzial („Burial“, „Get By“) bis zur anmutigen und einsamen Düsterballade („Law Of Probable Outcome“, „Oh Lord“). Und auch wenn die meisten Lieder das nicht unbedingt im ersten Moment offenlegen wollen, schimmert gelegentlich sogar auch ein klein wenig Hoffnung mit durch den depressiven Schutzpanzer aus Verzweiflung und Resignation. In „Climb“ beispielsweise wird angedeutet, dass so etwas wie Glück zumindest für einen kurzen Augenblick möglich ist. „These days were made for us / and should not be given away / big plans bigger than life“. Und in der wüsten Saufpolka von „All Must Die“ entlädt sich all die angestaute Trauer plötzlich in reinigender Wut.

Klar, man kennt diese Geschichten vom Verlassenwerden, von der Unmöglichkeit der Zweisamkeit und auch all die leicht balkanisierten Blas-, Streich- und Zupfinstrumente mögen einem im Dunstkreis von Indierock und Folk mehr als nur bekannt vorkommen. Golden Kanine jedoch haben die Narben, den Schnapps und auch die Melodien, um unsere unverheilten Wunden erneut aufzureißen. Mit der Kraft der geschundenen Seele und zweier sich ergänzender Gesangsstimmen, die eine noch wild gestikulierend um Hilfe schreiend, die andere längst resigniert, führen sie uns durch die Dunkelheit – und haben ganz am Ende des Albums, am Schluss des wundervollen Duetts „Back From The Woods“ mit Gastvokalistin Emma Wahlgren zwar wenig Tröstliches zu vermelden, aber zumindest doch die Schönheit auf ihrer Seite. „It could be so beautiful / if the sun would shine / all I want is shine / it shines no more.“

76

Label: Glitterhouse

Referenzen: Beirut, Devotchka, Neutral Milk Hotel, Get Well Soon, Modest Mouse, Friska Viljor

Links: Homepage | MySpace | Soundcloud

VÖ: 15.04.2011

2 Kommentare zu “Golden Kanine – Oh Woe!”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Wenn ich das hier so lese, bin ich mir direkt ziemlich sicher, dass mir das gefallen wird – ab in den Warenkorb;)

  2. Bastian sagt:

    Oh, da hoffe ich aber mal keine falschen Versprechungen gemacht zu haben (selbst sehr betrunken, hicks!).

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