Konsistenz resultiert nicht nur in der deutschen Tugend Verlässlichkeit, sondern ist wie Authentizität oder technische Spielfertigkeit eine jener rockistischen Qualitäten, welche die Rockmusik in den Augen alter weißer Hetero-Männer einst als einzig wahre, ehrenwerte Musikform über z.B. Pop, R&B oder Disco – eben Formen, deren Musizierende und Hörende sich weitaus stärker aus Nichtweißen, Nichtmännlichen, Nichtheterosexuellen zusammensetzen – distinguieren sollte. Insofern durchaus begründet heute ein etwas anrüchiger Begriff, trotzdem muss angesichts von „Constant Future“ einfach mal langsam konstatiert werden, dass wir es bei Parts & Labor mit einer der sträflichst unbekannten und, ja, konsistent besten Bands der letzten Jahre zu tun haben.

Im zehnten Jahr operieren die Elektrofrickler B.J. Warshaw und Dan Friel nun schon gemeinsam aus New York heraus. Ihre Diskographie weist ebenso Spuren ihrer Avantgarde-Wurzeln in Form einer Split mit Thyondai Braxton auf wie Ausdrücke ihres Hardcore-Treibens im 2008er „Escapers Two“, das 51 Songs im Affentempo über 30 Minuten zu Runterklopp-Pop-Miniaturen komprimierte wie es sie seit Hüsker Dü nicht schöner gegeben hat. Auf ihren Alben aber, da stellen Parts & Labor ihre dichten Noisescapes ganz in den Dienst eingängiger, hymnischer Songs und haben daraus keine auch nur annähernd mittelmäßige Platte gemacht, woran auch ihr fünfter Longplayer nichts ändert.

Faszinierend und unkonventionell anders als z.B. beim durchproduzierten Punk von Rise Against oder auch Titus Andronicus‘ schrammeligen Epen ist dabei vor allem, dass das vermeintlich essentielle Instrument aller Armhochrecker-Songs, die kraftvoll lärmende Gitarre, dafür gar nicht benötigt wird. Beißend modulierte Elektronik emuliert die vertrauten Sechssaiter-Texturen so stark, dass der Unterschied inmitten des zerfräst-noisigen Treibens kaum auffällt, „Bright White“ mündet gar unter Trommelfeuer in einem Arpeggio das klingt, als tappe sich Marnie Stern persönlich die Finger wund. So macht sich der Abgang der erst zum vorigen Album eingestiegenen Gitarristin Sarah Lipstate erstaunlich wenig bemerkbar, als „Receivers“‘ wichtigere Änderung erweist sich der Beitritt von Drummer Joe Wong. Er geht maßvoller als sein hyperaktiver Vorgänger Christopher Weingarten zu Werke, im einen Moment treibt er „Hurricane“ mit robotischer Monotonie im Motorik-Groove voran, im nächsten explodiert er in wuchtiges Achtarm-Dreschen.

Das unveränderliche Herz von „Constant Future“ sind aber die Gesangsstimmen. Ihnen wohnen ein bestimmendes Vibrato und natürlicher Hall inne, Qualitäten, die sie für hymnisch-erhobene Songs wie „A Thousand Roads“ geradezu prädestinieren. Skeptische Bilder der Zukunft zeichnen ihre Worte „I stick my fingers in my ears, choking on my years/ Another century is over, another generation like the one before“, Zweifel, wieviel Bedeutung Veränderung überhaupt hat. Doch ist ihr musikalischer Ton ein trotziger, optimistischer der sich selten in Dissonanz niederschlägt und somit die Fallgruben pathetischer Trieferei vermeidet. Dazu öffnet Dave Fridmanns sonst charakteristisch dichte Produktion den Raum in „Without A Seed“ für massives Pauken- und Beckentreiben, als ackerte im Hintergrund die Rhythmussektion einer Marching Band und jagt in „A Thousand Roads“ funkelnde Stereoeffekte durch die Kanäle. Einziges Makel am runden Gesamtbild ist der holprige Anfang mit gleich zwei Songs, die durch Leise->Laut-Anfänge wie Eröffnungsstücke wirken, ansonsten ist „Constant Future“ nun schon das fünfte hervorragende Album in Folge einer Band, die zeigt, dass aus Erfahrung nicht öde Routine resultieren muss.

78

Label:  Jagjaguwar

Referenzen: Hüsker Dü, Titus Andronicus, The Who, Lightning Bolt, Rise Against

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VÖ: 11.03.2011

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