Wye OakCivilian

Die elektrisch verstärkte Gitarre, das wohl archaischste Instrument der Rockmusik. Von den Einen als Phallus mißbraucht, von den Anderen genußvoll zertrümmert ist sie aller anders lautenden Ansagen zum Trotz schon seit Ewigkeiten nicht tot zu kriegen. Von The Sonics bis Sonic Youth, von Garage Rock bis Drone Doom strahlt ihr unnachahmlich dröhnendes Feedback eine Anziehungskraft aus, die glücklicherweise einfach nicht zu entzaubern ist. Auch Jenn Wasner und Andy Stack alias Wye Oak vertrauen auf diese Macht und wählen dabei einen ziemlich spannenden Mittelweg.

Denn obwohl ihre Songs auf sanftmütigem Dreampop und Folkstrukturen gründen und zum Großteil von der dunkel schmachtenden Stimme Wasners getragen werden, die zu Verweisen auf ein anderes, mittlerweile doch ziemlich bekanntes Baltimore-Duo durchaus berechtigt, ist es letztendlich  das finale Gitarrenbrett, das „Civilian“ zu so einem wirklich vorzüglichen Album vervollständigt. Was Wye Oak auf den vorangegangenen zwei Tonträgern bereits andeuteten, gelangt hier zur bisherigen Perfektion: Americana-geschulter, gemächlich walzender 90er Lo-Fi-Rock, der sich für hymnische Popmomente aber trotzdem nie zu schade ist und Shoegaze, so robust und erdverwurzelt, wie einst die unlängst vom Blitz gefällte 500-jährige Eiche, die sich hinter dem Bandnamen verbirgt.

Im Grunde, und das ist vielleicht der einzig größere Vorwurf, den man diesem Album machen kann, liegt allen Liedern Wye Oaks das gleiche Muster zu Grunde. Der großartige Titeltrack stellt dafür den Archetyp: Über zaghafte Gitarrenakkorde und ein wenig Klavier spinnt Jenn Wasner ihr melancholisch einlullendes Netz aus Textzeilen über  die Vergänglichkeit,  bevor der Song langsam Fahrt aufnimmt und mit vorsichtigem Pathos und Chorgesängen sein unvermeidliches Ende heraufbeschwört. Unter dem  Lodern und Flackern der  Feedbackgitarre zerbröselt  dann schlussendlich alles, wie ein einstürzendes Gebäude, in einer riesigen Staubwolke. Ausnahmen wie „Holy Holy“, welches das eben genannte Prinzip  erstmal von hinten aufzäumt und dann doch in die Wand aus Noise reitet oder das auf einem einzigen (zugegebenermaßen leider etwas an Snow Patrol erinnernden) Gitarrenmotiv balancierende, den Höhepunkt immer wieder nur andeutende und dann von neuem beginnende „Plains“ bestätigen hierbei natürlich die Regel.

Schwer zu sagen, was „Civilian“ nun wirklich aus der Vielzahl ähnlich gelagerter Veröffentlichungen herausstechen lässt. Aber wahrscheinlich ist es neben der über die Jahre gereiften Perfektion ihres Stils einfach die stoische Selbstverständlichkeit, mit der Wye Oak hier ihren Weg gehen. Wie sie ohne großes Aufsehen darum zu machen, selbstvergessen mit dem Yin und Yang zwischen laut und leise, Schönheit und Kante, Zurückhaltung und Emotionalität spielen, genau das macht diese Platte zu einem, wenn auch mit Trauer behafteten, Ort, an den man immer wieder gerne zurückkehrt. Vielleicht fühlt sich so in etwa, ganz ohne den daranhängenden, traditionalistischen Blödsinn, Heimat an?

77

Label: City Slang

Referenzen: The Antlers, Dag För Dag, Beach House, Mazzy Star, Galaxie 500, South San Gabriel, Deerhunter, Band Of Horses

Links: Homepage | MySpace | Twitter

VÖ: 04.03.2011

2 Kommentare zu “Rezension: Wye Oak – Civilian”

  1. Basti sagt:

    City Slang…fast schon Pflichtprogramm für die Ohren, doch weils als Referenz genannt wird, muss ich zugeben, dass ich mich mehr auf das neue Antlers-Album freue, nach dem Über-Debüt…

  2. […] National auf „Tramp“ zum ersten Mal ein Produzent seine Finger im Spiel. Auch Zach Condon und Wye Oaks Jenn Wasner haben sich auf Sharon Van Ettens Gästeliste gedrängelt. So versprüht das von […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum