Der Liedschatten (10): Brian Hyland / Club Honolulu "Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini"

Sollte an dieser Stelle bisher der Eindruck erweckt worden sein, man sperre sich gegen kleine, schlichte Liedchen, so bietet sich heute eine gute Gelegenheit, diesen Eindruck ein wenig zu mildern. Nun, zumindest war das der Plan und wie zahlreiche WG-Pinnwände und John Lennon wissen, ist Leben jedoch das, was passiert, während man dabei ist, andere Pläne zu machen. Als ob der Mensch keine klügeren Sachen gesagt hätte.

Brian Hyland / Club Honolulu „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“, Oktober 1960

Anlass zur Hoffnung jedenfalls war das heutige Stück. Denn „Itsy, Bitsy, Teenie, Weenie, Yellow Polka-Dot Bikini“, 1960 im Original vom damals 16jährigen Bryan Hyland interpretiert, erzählt immerhin eine Geschichte. Eine allem Anschein nach schüchterne Dame trägt das erste Mal einen Bikini, mag aber darin nicht gesehen werden. Sie tritt mit einem Handtuch umwickelt aus der Umkleidekabine und begibt sich nach einigem Zögern ins Wasser. Und dort lässt sie das Lied dann zurück, verfroren und mit blauen Lippen. Entweder entschließt man sich, das ziemlich albern zu finden oder es regt sich Mitleid mit einer Frau, die sich durch irgendetwas oder irgendwen für eine Badmode entschlossen hat, deren Beschaffenheit ihr nicht zusagt oder aber die ihr aufgrund gesellschaftlicher Ächtung nicht ganz geheuer ist.

Man entschuldige dem Autor das Einbringen seiner eigenen Person (aber mache sich bitte gleichzeitig schon einmal darauf gefasst, ihm in Zukunft womöglich häufiger an dieser Stelle zu begegnen), aber was habe ich eigentlich für eine Ahnung vom Tragen eines Bikinis? Gar keine, kein Bisschen, und damit ist nicht meine fehlende Erfahrung als Drag Queen der Badeanstalten gemeint. Ich trug einfach stets Badehosen, gegen Ende der 90er waren das aus irgendeinem Grund abgeschnittene Jeans, der Begriff einer „Bademode“ existierte nicht für mich. Klar, ich hätte mich damit befassen können, aber ich musste nicht – ein Privileg, das viele Mädchen und Frauen nicht besitzen und dass das nicht nur für Schwimmbekleidung gilt, dürfte wohl klar sein. Aber, wie gesagt, ich habe das nie durchmachen müssen und andere kennen sich damit besser aus, zum Beispiel Ninia Lagrande, die sich einmal eine „Bravo Girl“ angeschaut hat.

Zurück zum Bikini: Der Gewagtheit seines Entwurfs war sich der Namensgeber des Bikinis, Louis Réard, 1946 durchaus bewusst, Provokation jeglicher Art wurde in Kauf genommen und in die Werbung einbezogen, so hieß es dort zum Beispiel in einem recht makaberen Wortspiel „le bikini, la première bombe an-atomique“. Namensgebung und Slogan lassen es schon vermuten, der Bikini sollte dazu in der Lage sein, eine ähnlich erschütterte Öffentlichkeit wie die Atombombentests der US-Regierung im Bikini Atoll zu hinterlassen. In einer von Männern, Prüderie und Doppelmoral geprägten Gesellschaft konnte ein solches Kleidungsstück aber auch nur für Verwirrung, bigottes Anprangern und eine Menge Zotigkeit sorgen.

Auch 1960 war das Tragen eines Bikinis noch nicht gesellschaftsfähig, dies sollte sich erst im Laufe des gerade begonnenen Jahrzehnts ändern. Ein erstes Anzeichen hierfür sind die steigenden Absatzzahlen des Kleidungsstückes nach Erscheinen des Film „Dr. No“ aus der Machokrimi-Reihe „James Bond“ von 1962, in dem die Schauspielerin Ursula Andress in einer Szene nur im Bikini auftritt.

Wer sich jetzt denken sollte „Ja ja, Popmusik und Mode, das hängt doch schon immer zusammen“, der oder die muss sich sämtliche Modestrecken des Musikexpress anschauen. Erstere kann als selbstbewusste Kunstform nämlich sehr wohl probieren, ohne Mode auszukommen, seit die große Erzählung der Jugendlichkeit und Jugendkultur sich auf jedes Alter erstreckt.

dalida

Weiter im Text: Nachdem Bryan Hyland also mit „Itsy, Bitsy, Teenie, Weenie, Yellow Polka-Dot Bikini“ seinen ersten großen Hit gelandet hatte, wurde er, wie es damals eben üblich war, gecovert: In Frankreich von Dalida, in der BRD durch den „Club Honolulu“ alias Catarina Valente und Silvio Francesco. Dabei wurde nicht nur der Titel (in diesem Fall in „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“) verändert, auch die erzählte Geschichte ist nun eine andere. Die Protagonistin erregt mit ihrem Bikini (Prädikat „schick und […] so modern“, „gefiel ganz besonders den Herrn“) unbeabsichtigt Aufsehen und entschließt sich am Ende, ihn nur noch in der Badewanne zu tragen, da sie sich der weitreichenden Folgen vorher anscheinend nicht bewusst war. Albern ist auch dieses Stück, nur ist die Pointe wesentlich schwächer als bei Hyland und die voyeuristische Schlagseite stärker. Hier wird nämlich gegafft, es wird nicht daran gedacht, das jemandem übel zu nehmen, es schwingt als Unterton ein latent zotiges „Nana und aber hallo! Selber schuld!“ mit. So etwas ist nicht lustbetont oder hedonistisch, was ab und zu ja auch mal nett ist, sondern lärmend, widerlich augenzwinkernd und grobschlächtig.

Eingangs stand ja der Vorsatz, nicht immer nur über die armen kleinen Liedchen zu schimpfen und bevor nun der Eindruck entsteht, davon mehr als nur ein wenig abgekommen zu sein, sei noch auf den „Answer Song“ einer Girl Group namens The Girlfriends verwiesen, der die ganze Handlung aus der Sicht Bikini tragender Damen wiedergibt. Er ist weniger steif ist als der ursprüngliche Song und soll an dieser Stelle als Empfehlung dienen, sich doch einmal mit dem unterhaltsamen Genre der Answer Songs zu befassen.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (10): Brian Hyland / Club Honolulu „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“”

  1. noch ein nachtrag zum thema zeitschriftenmarkt für junge frauen: http://www.textandcrime.de/

  2. […] hatte sich vorgenommen, zur X. Folge einmal auszureißen, obiges vergessen und nimmt die Gelegenheit dazu also heute wahr. Auch wenn die […]

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