Der Liedschatten (09): Ted Herold "Moonlight"

Rock’n’Roll und Halbstarke, man mag es gar nicht mehr hören. Der im Fernsehen unsichtbare Hüftschwung Elvis Presleys, das Randalieren der jungen Leute vor, während und nach der Aufführungen des Filmes „Rock Around The Clock“ (deutscher Titel: „Außer Rand und Band“), überhaupt das bei Spießer-Elementen ausgelöste Entsetzen angesichts der unzüchtigen, degenerierten „Negermusik“ … das alles ist ja schön und gut und mag einige Menschen davor bewahrt haben, die Wahl der eigenen Kleidung ewig den Eltern zu überlassen, aber manchmal scheint es so, als wäre es nie um mehr gegangen. Ja, der Rock’n’Roll hat vieles bewegt, er hat es jungen Menschen ermöglicht, ihre eigene Form des Konsums zu finden und dem Konservativen ein neues Gesicht verliehen.

Ein kurzer Exkurs oder: Alle gleich und ungleich gleich

Damit greift man aber vorweg, erst einmal rebellierten Teile der Jugend. Es ist schwer nachzuvollziehen, was genau das bedeutet haben mag, so viele vermeintliche Freiheiten werden den Menschen gegenwärtig von vornherein abverlangt. Die Teds und Rock’n’Roller der 50er Jahre wollten nicht mehr als ihren eigenen Lebensstil, am Ende bekamen sie ihn auch. Und nach ein paar Transformationen der Vorstellung von Jugendlichkeit haben wir nun einen neuen Status Quo, den Menschen als eigenverantwortliches Subjekt, als flexiblen Könner, der mehr oder weniger zu schaffen vermag, je nachdem, welche Möglichkeiten er wie auswertet. Über welche hilfreichen Fähigkeiten er oder sie dabei verfügt, dafür kann kein Könner was, das ist, auch wenn es nicht mehr so genannt wird, Schicksal (das darf unter diesem Namen nur in der Liebe, nicht im Berufsleben sein Unwesen treiben), schließlich sind alle Menschen unterschiedlich, und wir wollen sie ja nicht gleich machen.

Wozu das führt, sieht man merkwürdigerweise an der Vehemenz, mit der ein endgültiges ästhetisches Urteil über Popmusik oftmals relativiert wird. Die strikte Ablehnung eines Songs oder Genres, immerhin ein möglicher Ausdruck der oft beschworenen Ungleicheit, wird vermieden und kritisiert. Musik, so wird man belehrt, sei niemals schlecht, sie gefalle bloß anderen Leuten, und denen könne man es ja auch nicht absprechen, zu mögen, was sie wollen. Oder maße man sich etwas an, zu sagen, was gut sei? Hierin drückt sich eine Art negativer Opportunismus aus, eine konsolidierende Abgrenzung, die sich als Toleranz gebärdet, alles beliebig macht und ganz nebenbei Menschen die Möglichkeit, zu fördern und gefördert zu werden, nimmt, indem sie Inhalte auf Konsumanreize reduziert.

Doch passt das bestens zu der boshaften Ignoranz, die sich als Erkenntnis gebärdet, wenn sie verkündet, jedeR müsse selbst sehen, wo er oder sie bleibt. Aber bitte nicht zu lange bleiben, wo man ist, sondern stets wissen, wo man hin will … Wissen, wo man hin will und sehen, wo man bleibt, aber eben trotzdem noch wo hin wollen, bleiben und wollen also, das macht ganz schön kirre. Und wenn man eh immer nur sieht, wo man bleibt, während man woanders hin will, dann ist das doch deprimierend, nicht? Diedrich Diederichsen schrieb einmal schlaubergerisch: „Wenn man Nonkonformismus entwickelt, sollte man wenigstens wissen, was der aktuelle Konformismus geschlagen hat“, und in diesem Satz drückt sich die ganze Ratlosigkeit einer aktuellen Jugendkultur aus. Dieses Wissen bildet keinen Konsens mehr, aus der Hoffnung auf Andersartigkeit wurde ein Imperativ, dem man sich ebenfalls widersetzen kann und der über die Jugend hinaus fort wirkt. Sei Du selbst, alle Möglichkeiten stehen Dir offen, sei es durch den Erwerb, sei es dadurch, dass die Grenze zwischen Erwerbstätigkeit und Leben fällt und Du gar keine Freizeit mehr hast, die Du konform verbringen könntest.

Der Versuch, möglichst gut zu (über)leben, wird unter diesen Bedingungen immer allein unternommen. Man möchte die Tränen kotzen, die man gemeinsam mit der verlogenen Behauptung, alles selbst entscheiden zu können, schluckt, fürchtet sich aber vor einem leeren Magen.

Ted Herold „Moonlight“, September 1960


dalida

Ted Herold wurde 1942 geboren und begann seine Karriere in den 50er Jahren, indem er größtenteils, aber nicht nur Elvis-Songs coverte, was ihn kurzerhand zum „deutschen Elvis“ machte. Man spare sich bitte den Spott, Coverversionen waren einfach, wie schon an anderer Stelle ausgeführt, üblich. Und so dumm war der Gedanke, das Idol Elvis Presley als Franchisekonzept aufzufassen, nun auch nicht, die Märkte waren eben auch noch nicht per se global ausgerichtet und einen amerikanischen Elvis gab’s nicht immer und überall, sondern in den USA.

Ted alias Harald Walter Bernhard Schubring sang also zu an die amerikanischen Originale angelehnten Arrangements Lieder wie „Ich brauch’ keinen Ring“ („Ich brauch‘ keinen Ring / um Dir treu zu sein / Den Grund dafür weißt Du allein / Du bist schön und Du bist mein / […] Wenn man so gern sich heimlich küsst / Dann wird man nie mehr auseinandergeh’n“, 1958) oder 1959 17jährig „Ich bin ein Mann“ („Ich bin nicht mehr so jung /  wie du zu glauben scheinst / hab‘ vieles schon erfahren / mehr als du meinst.“), da kann man sich als Teil der unter gänzlich anderen  Bedingungen aufgewachsenen Elterngeneration gehörig wundern und ein klein wenig erbost zeigen. Und so wurden dann Ted Herolds Stücke auch nie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gespielt, was zu dieser Zeit noch bedeutete, dass er gar nicht im Radio stattfand.

1960 sollte sich das ändern, da hatte er seinen ersten Nummer-Eins-Hit, und zwar mit „Moonlight“, einem Schmachtfetzen für einsame Herzen. „Moonlight, die Nacht ist schön, u hu hu hu / moonlight, unsagbar schön, u hu hu hu / alle sind verliebt, nur ich muß traurig sein“), damit darf man dann auch mal ruhig auf Platz Eins landen. Doch lassen wir an dieser Stelle einen Zeitgenossen zu Wort kommen: „OMG – wenn die heutige Generation nur den Funken einer Ahnung davon hätte, wie schön das war, als man als Junge so viel an Gefühl in diesen Song investierte – wie sehr man beim Tanzen seiner (geliebten) Partnerin nahe kommen und ihr den Text ins Ohr flüstern konnte. . . . . nein, leider ist das alles (unwiederbringliche) Vergangenheit – heute ist DISCOLÄRM angesagt – bis zur Ertaubung – wir hörten noch auf leise Töne, leises Flüstern – forever gone – pity!“ (nach dem sic!-Prinzip aus einer Kommentarleiste bei Youtube übernommen). Sehr schön ist hierbei die Klammer bei „(geliebter) Partnerin“ (bedeutet das: „Kann sein, muss nicht. Hauptsache Partnerin!“ oder „Damals liebte man noch, ist ja heute nicht mehr selbstverständlich.“?), ansonsten ist dem nichts mehr hinzuzufügen.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (09): Ted Herold „Moonlight“”

  1. […] den Songs der Everly Brothers, was ihnen, auch so etwas begegnet uns nicht zum ersten Mal (siehe Ted Herold), den Titel „die niederländischen Everly Brothers“ einbrachte. Die wirklichen Everlys hingegen […]

  2. […] den Morgen“ mit seinem unverständlichem Bezug zum Tango, aber auch verschiedenen Interpreten wie Ted Herold zu merken ist, stets und seit den 60ern in einem immer stärkeren, da notwendigeren Maße bestrebt, […]

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