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Rezension: Seefeel – Seefeel

Rezension: Seefeel - SeefeelDie Geschichte des Post Rock ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Versteht man heute darunter in der Regel ein fest umrissenes Genre wortlosen Instrumentalrocks nach Vorbild von Godspeed You Sigur Mogwai, den mit den richtigen Pedaleinstellungen jeder leicht selbst episch hallen lassen kann, entstand der Begriff vor fünfzehn Jahren im Versuch, die aufregendste musikalische Entwicklung der frühen Neunziger zu charakterisieren.

Keine hörbare stilistische Gemeinsamkeit war es, die vor allem britische Bands wie Disco Inferno, Bark Psychosis, Tortoise oder Stereolab verband, sondern ihr offener Umgang mit den neuen Möglichkeiten digitaler Experimental- und Tanzmusik und der gleichzeitigen Umdeutung der Elemente und Konventionen klassischer Rockmusik; was sich beispielsweise darin äußerte, dass Gitarren statt ihrer traditionellen Rock-Rollen als kräftiges Leitmelodie- oder Rhythmusinstrument eine Verwendung als texturelle Struktur oder digital verfremdeter Minimalimpuls fanden. Was heute allen, die analogen Input in Echtzeit mit einem Laptop manipulieren können selbstverständlich erscheint, war damals ein bahnbrechendes Niederreißen digital-analoger Grenzen dessen Highlights bis heute nichts von ihrer Einmaligkeit verloren haben und die nur darauf warten, von einer neuen Hörergeneration (und insbesondere Radiohead-Fans) entdeckt zu werden.

Die Klassifizierung als „Post Rock“ war im Falle der Londoner Seefeel auch von großem Vorteil, so kam niemand in die Verlegenheit, sich bei jedem Album des Quartetts eine neue Beschreibung ihrer Musik ausdenken zu müssen, die zwar auf jedem Werk eine kohärente Klangästhetik hatte, sie aber von Mal zu Mal stark wechselte. Wies der Soundentwurf auf „Quique“ noch gewisse Shoegaze-Verwandschaften auf, die merklichen Einfluss auf Leute wie M83 oder Ulrich Schnauss hatten, so war das spärliche, dronig-ambiente „(CH-VOX)“ gleichfalls beat- wie gesangsarm und fand sich das unterschätzte „Succour“ mit seinen noisigen Texturen und Glitches bestens auf Warp Records aufgehoben. Auf ihrem ersten neuen Album seit 15 Jahren, den Urmitgliedern Sarah Peacock und Mark Clifford haben sich seit ihrer Wiedervereinigung 2008 Ex-Boredoms-Drummer E-Da und am Bass DJ Scotch Egg neu hinzugesellt, präsentieren Seefeel denn auch aus verschiedenen Blickwinkeln ein erwartet einheitliches Klangbild: Ein stellenweise verschlepptes Schlagzeug gibt mit spärlichen, aber kräftigen Anschlägen eine staksige Erdung für ein Füllhorn aus noisigen Klängen, die in einem Meer aus Ätherstimmen, synthetischen Oszillationen, dubbigen Bassläufen und knarzigen Texturen auf- und wieder abtauchen.

Ob rein digital oder über Bearbeitung analoger Signale, „Seefeel“ klingt wie das Innenleben einer verträumten Industriemaschine: Ungeölte Scharniere quietschen und fiepen, Druckbehälter vibrieren und wummern, es fiept metallin, flirrt, heult, knarrt, wabert und fisselt. Solche Musik scheint zum fein unterscheidenden Detailhören wie für Kopfhörer gemacht, wäre da nicht der massive Bass, der Mitte des Albums zu vollem Volumen anwächst und geradezu fühlbar aus den Lautsprechern in den Raum wandert. Von Stück zu Stück wächst „Seefeel“ um Elemente und Intensität an, wird mit der Zeit glitchiger, nervöser, bass-, gesangs- und texturdichter bis zum subtil strukturwechselnden „Rip-Run“ und wild scratchenden „Making“, baut von da an ebenso langsam wieder ab um im sanftesten Knarzen zu enden, das man sich vorstellen kann. Mit ihrem Einweben von Noise-Attributen in eine sanfte Cocteau-Narkose scheinen sich Seefeel zeitweise in eine Reihe mit – teilweise von ihnen selbst beeinflussten – Post-Noisern wie Fennesz, Oneohtrix Point Never oder Fuck Buttons zu stellen, doch „Seefeel“ ist letztlich zu physisch geerdet und aufgebrochen um eine homogene Soundscape aufzuspannen. Vielleicht bezieht es aus diesem inneren Zustandsschwanken seinen schwer ergründlichen Reiz, in jedem Fall bleiben sich Seefeel ihrer selbst treu: Als sie Anfang der 90er erstmals vom Label Too Pure unter Vertrag genommen wurden, sagte man ihnen dort nur „We don’t know why we like this, but we do.“

Wertung: 80

Label: Warp

Referenzen: Disco Inferno, Fennesz, Cocteau Twins, Oneohtrix Point Never, Radiohead, Gang Gang Dance

Links: Facebook | MySpace | Label

VÖ: 28.01.2011

6 Kommentare zu “Rezension: Seefeel – Seefeel”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Schaut man auf die Startseite, hebt sich das Cover jetzt nicht unbedingt von dem “King Of Limbs”-Artwork ab, oder?;)

  2. In der Tat gewisse Ähnlichkeiten. Wobei Seefeel auch in diesem Fall vorgelegt haben :D

  3. Markus sagt:

    Letztlich wohl tatsächlich nur für Ersthörer in diesem Bereich wirklich spannend. Für mich immer noch die Enttäuschung des Jahres bisher. Lullt wunderbar ein, aber bleibt nur mehr Oberfläche als intensives und tiefgründiges Hörvergnügen. Schade, schade.

  4. Findest du? Ich halte das Album eher für einen schlechten Einstieg, sowohl was die Band als auch diesen Bereich (was immer der ist) betrifft. Hat mir beim ersten Hören wenig gegeben, aber nachdem ich mich nochmal durch die Seefeel-Alben durchgehört hatte wurden die subtilen Verschiebungen und Verzahnungen, die Art wie bestimmte Geräusche von Stück zu Stück weitergereicht werden und der strukturelle Aufbau des Ganzen richtig schön wirksam. Hab mich aber bei der Bewertung ein wenig zurückgenommen weil die Meinungen zum Album auch allgemein stark unterschiedlich ausgefallen sind, wobei manche warum auch immer wohl ein “Quique Teil 2″ erwartet hatten.

  5. Markus sagt:

    Nee, das war’s bei mir nicht mal, obwohl ich durchaus den alten Sachen sehr zugeneigt bin. Ist schon ein sehr vielschichtiges Werk, da geb ich dir recht – und ebenso stimmt die Tatsache, dass die Wertungsamplitude bei diesem Werk total groß ist. Pitchfork gibt nur etwas in der Mitte der 50er – das wäre auch eher meine Tendenz. Kann aber hier auch vollkommen nachvollziehen, dass man diese Mikrotexturen organisch und toll findet. Mir gibt’s halt leider nicht so viel, obwohl ich solche Sachen verdammt gerne höre.

  6. Bastian sagt:

    Wenigstens kann jetzt mal keiner behaupten, wir hätten die Wertung bei Pitchfork abgeguckt.

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