The King Of Limbs: Das Tagebuch

14. 02. 2011: Heute erfuhr ich ebenso wie der Rest der Welt vom Kommen des neuen Radiohead Albums. „Vom Kommen“, das ist nicht nur eine leicht pathetische, sondern eine fast schon religiöse Wendung. Der Messias „kommt“, göttliche Gerichte „kommen“, aber ein Album erscheint, es ist an sich nicht in der Lage, ein „Kommen“ zu beanspruchen. Bei Radiohead aber liegen die Dinge anders, dessen bin ich mir sicher, und ich glaube, nicht ohne Grund aufgeregt zu sein.

Das Cover überrascht in seiner Niedlichkeit, und ja, es ist auch spooky, aber so B-Movie creepy… das passt ja aber zu Radiohead, zu Titeln wie „Bodysnatchers“, „We Suck Young Blood“ und Zeilen wie „I will eat xou all alive“. Eine Tracklist ist nicht bekannt, was sehr angenehm ist, musste man sich bei der letzten Platte, „In Rainbows“, doch erst nach und nach von all den Wackelvideos neuer Songs in Liveversionen befreien, um es genießen zu können.

dalida

Das neue Werk Radioheads ist „The King of Limbs“ betitelt. Dabei lässt sich „Limbs“ als „Gliedmaßen“ oder auch Plural von „Limbus“ übersetzen. Letzterer bezeichnet laut katholischer Theologie eine Bereich der Vorhölle, in dem die Seelen festgehalten sind, die nicht zur Gottesschau und damit Erlösung gelangen können, da Jesus Zeit ihres Lebens noch nicht auf Erden gewesen war oder aber sie das Heilsgeschenk der katholischen Lehre aufgrund eines zu frühen Todes nicht annehmen werden konnte.

dalida

Und Auf „Kid A“ befand sich bereits ein Song namens „In Limbo“, was auch mit „in der Schwebe sein“ übersetzt werden könnte. Da es jedoch unwahrscheinlich ist, den „Limbus“ im Plural anzutreffen, wird es sich wohl um die Gliedmaßen handeln, die Dinger auf dem Cover besitzen dazu passend stark hervorgehobene Extremitäten. In einem Wald nahe des Gebäudes, in Radiohead „In Rainbows“ Aufnahmen, befindet sich übrigens eine 1000 Jahre alte Eiche, „King of Limbs“ genannt, siehe rechts.
Vermutlich wird eine Mischung aus all dem Inspiration zum Titel gewesen sein, die Band mag Wörter, Wälder, Anspielungen und hat außerdem einen recht bemerkenswerten und grotesk-albernen Sinn für Humor.

15.02.2011: Ich hatte schon befürchte, bis zum Sonnabend ohne weitere Informationen auskommen zu müssen, da es ja weder eine Tracklist noch neue Songs in Liveversionen und schon gar keine Interviews mit der Band gibt. Deren Manager jedoch äußerte sich zumindest zur Entscheidung, das nächste Album nicht mehr per „Pay what you want“-Preis zu verkaufen: „“Our allegiances are to the band. We manage Radiohead, we don’t manage retail or labels, we just manage the band and are just trying to do the best possible thing to allow another brilliant record to be embraced by the fanbase.”, eine neue Nachricht pro Tag wird’s also sicher geben, Marketing in homöpathischen Dosen also.

Zusätzlich kam das Gerücht auf, “The King Of Limbs” enthalte “nur” acht Stücke… von mir aus! Dann sind es eben nur acht grandiose Stücke, vielleicht haben sie ja Überlänge, vielleicht sind’s technoide Krautrockeskapaden, wer weiß… ich bin der Band jedenfalls dankbar, dass es vorab nix zu hören gibt.

radiohead

16.02.2011: Ein neues Pressefoto zeigt die Radioheads im Wald, die schwarzweiß Fotografie lässt die Band zwar nicht gänzlich verschwinden, stellt sie aber auch nicht in den Mittelpunkt. Die vorhandenen Unschärfen würden eine Verwendung des Bildes für eine unbekanntere Gruppe vielleicht unmöglich machen, aber bei Radiohead wird genommen, was man kriegen kann.

howamidriving

Auf dem Cover sind Äste, die Band steht im Wald… man könnte vermuten, es handelt sich bei „The King Of Limbs“ am Ende um ein Folkalbum, bezieht sich der Titel doch auch gewiß auf erwähnten Baum. Interessant ist, dass sich das Szenario, in das ihre Musik eingebettet ist, anscheinend weg vom „Citizen Insane“ und der Suburban Paranoia entwickelt, hat man vergleiche nur einmal das Cover der „Airbag / How Am I Driving“ EP mit dem aktuellen. Wird hier eine Innerlichkeit fortgesetzt, die sich auch schon auf „In Rainbows“ fand?

17.02.2011: Da stellt man sich darauf en, bis Sonnabend geduldig warten zu dürfen und fühlte sich angenehm entspannt durch kuschelige Vorfreude schönster, unwissender Art gekitzelt, da postet die Band bei Twitter folgendes: „渋谷 ハチ公広場 金曜日 18時59分“, was übersetzt in etwa „Hachiko Square Shibuya, Friday 18:59“ bedeuten dürfte. Freitag also, noch nicht einmal heute… und vor allen Dingen: der beschriebene Ort hat nichts, aber auch gar nichts mit all den Spekulationen in Richtung Wald zu tun, das ist urbaner Raum in Tokyo at it’s best, ein kommerzielles Zentrum… schaut er am Ende gar dort vorbei, der Herr „King of Limbs“? Bei all dem Gewusel dort würde er auf zahlreiche Untertanen treffen… gibt’s ein Überraschungskonzert? Eher nicht, dann müte die Band ja dorthin geflogen sein, was sie aber aus Gründen des Klimaschutzes weitesgehend vermeiden. Nötig hätten sie es auch nicht.

dalida

Vielleicht also ein Webcast? Den gab’s ja auch schon zum letzten Album. Oder  Irgendein Kunstdingens? Radiohead.tv ist wieder da, auch, wenn man noch nix sieht, und ein webcast wäre wohl das Beste, vermutlich, obwohl man nicht weiß, was genau sie vorhaben. Jedenfalls sollte man am Freitag um 10:59 Uhr mal dort vorbei schauen, so spät ist es dann nämlich hier… also wirklich! Diese Nerds!

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Auch interessant: Hachiko ist ein Hund gewesen, der auch nach dem Tod seines Besitzers stets an der Station Shibuya wartete, um ihn abzuholen,.Dort erhielt nach seinem eigenen Ableben eine Bronzestatue, er selbst steht präpariert im Museum. Fetziges Japan! Steht all das in einem nicht ganz klaren Sinn mit der Treue der Fans im Zusammenhang? Dass die Geschichte den Mitgliedern Radioheads bekannt ist, scheint bei zwei Verfilmungen nicht unwahrscheinlich.
So… und nun warte ich noch ein wenig und befasse mich dabei mit der tollen „Tenspiracy“-Theorie, nach der „OK Computer“ und „In Rainbows“ zusammengehören. Das hat dann irgendetwas mit Binärcodes zu tun… Geeks!

18.02.11: Es gibt ein neues Video, und zwar zum Song „Lotus Flowers“, und WTF!!!???, es ist „nicht in meinem Land verfügbar? Geofucking! So ein Mist… ich suche mal an anderer Stelle…Thom Yorke scheint mit Hut zu tanzen, und ich kann es nicht sehen! So ein Mist
…ich hab’s gefunden! Der kleine Mann tanzt, wie man es von Konzerten kennt, allerdings dieses Mal eben mit Hut. Entfernt erinnert das an Mark Hollis Gebaren bei „It’s A Shame“, der Song hat die Atmosphäre von „Amnesiac“, warm, dunkel, eng, etwas benängstigend… und da das mein Lieblingsalbum ist, bin ich glücklich.

Jetzt wird wer unken: „Ja, klar, nix Neues…“, aber: gerade der Umstand, das sich hier einer vertrauten Schönheit eine neue Facette hinzufügt, ist wunderbar. Und der Refrain, geht so dezent auf, dass man sich zu ganz albernen Vergleichen animiert fühlt, von wegen „Flower, Blüten“ usw… hach! Sehr schön auch die Handclaps, kleines Geplinker und Geploinker… wunderbar! Und das Thema „Folk“ dürfte hiermit auch erst einmal vom Tisch sein, Innerlichkeit aber bleibt zu erwarten… herrje! Wie schön. Ah, und an „The Eraser“ erinnert’s auch. Und das Video ein wenig an „Stree Spirit (Fade Out)“. Auch sehr schön: der Guardian bloggt live über jedes Fitzelchen Neuigkeiten zum Album.

Das Album ist da!

Ein Kommentar zu “The King Of Limbs: Das Tagebuch”

  1. […] einmal ging alles ganz schnell: gerade eben gab man sich noch Spekulationen hin, und dann war „The King Of Limbs“ plötzlich da, einen Tag eher als erwartet. Knapp 40 Minuten […]

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