Element Of Crime in Münster: Gemeinsames Wundenlecken

Es sind jedes Mal herzerwärmende Abende, wenn Sven Regener und seine Mannen durch die Clubs, Hallen oder Freilichtbühnen dieses Landes ziehen und alle vorsichtig schunkelnden Menschen zwischen 18 und 75, die schon mal an einer Beziehung gescheitert sind, zum gemeinsamen Wundenlecken zusammenführen. Noch tourt die Band fleißig durchs Land, vor einigen Tagen spielten sie in Münster. Ein Konzertbericht.

Ausverkauft – so die bittere Nachricht wenige Tage zuvor, zu einem Zeitpunkt, als man selbst zwar ein Ticket in der Tasche, aber sich noch nicht wirklich Gedanken um die Begleitung gemacht hat. Jetzt muss innerhalb des Freundeskreises erstmal Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Na klar gibt’s da abends noch Tickets, meistens verscherbeln sie die sogar unter dem Einkaufspreis, weil das Angebot die Nachfrage an einem Dienstababend locker übersteigt, da bin ich mir sicher“, so in etwa der Tenor Stunden vor dem Beginn. Die Realität aber sieht anders aus: Von überall kommen Leute und zahlen bereitwillig bis zu 60 Euro oder bringen Pappschilder mit, um sich im Vordergrund zu positionieren.

Der Plan, sich brav hinten anzustellen und die klar im Vorteil liegende Gruppe mit dem Schild davon zu überzeugen, einem bei der Suche zu helfen, um später das Pappding einheimsen zu können und eine klassische Win-Win-Situation zu erzwingen, hat leider einen einzigen Haken: Als man das blöde Ding endlich in den Händen hält, ist die Straße leer, die Vorband spielt schon. Wäre das überaus nette, wie aus dem Nichts aus dem Dunkel erscheinende Mädel nicht auf meinen augenscheinlich charmanten norddeutschen Kollegen zugesteuert (wobei sie einige lechzend mit Scheinen wedelnde Rivalen links liegen lässt und beweist, dass es wirklich noch Leute gibt, die nicht alles darauf auslegen, dass der Groschen fällt) – der Abend wäre sicherlich anders gelaufen. So aber sind wir schon zu dritt.

Drinnen vertrautes Wohlbefinden. Sven Regener nutzt die Passagen vor und zwischen den Stücken, um entweder darauf aufmerksam zu machen, wie sinnlos die Ansagen in den Pausen doch sind oder das Publikum auf seine Seite zu bringen, indem er übermäßig glaubwürdig beteuert, wie sehr er sich doch freue, endlich wieder an dieser wundervollen Spielstätte auf der Bühne zu stehen. Diese ist in dem Fall das Jovel in Münster, aber selbst Orte wie Wattenscheid-Höntrop wurden da in der Vergangenheit schon schöngeredet. Muss man auch erstmal schaffen. Und auch heute entwickelt sich vom ersten Song an alles wie gewünscht: „Nimm die Hände ans Steuer, wir fahren im Kreis“ – na und?

Es dauert nicht lang. Spätestens bei „Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich“ hat sie einen wieder, diese teuflische Kombination aus Resignation, Wehmut und Vergangenheitsbewältigung. Der Kollege holt bereitwillig die nächste Runde und kommt rechtzeitig zu „Ständig Unter Strom“ schelmisch in meine Richtung grinsend zurück. Für „Im Himmel Ist Kein Platz Mehr Für Uns Zwei“ bleibt man gleich an der Theke, das Herz endlich gebrochen und Spaß dabei. Gesichter, die sich gegenseitig bedauern. Tut das gut. Und alles geht immer irgendwie weiter.

Dass der Klang äußerst präzise aus den Boxen kommt und auch weiter hinten noch Freude bereitet, die Bühne bei den belebenden Trompetenparts immer hell erleuchtet – all das ist an solch einem Abend nebensächlich. Der Moment zählt. Bitte bleib bei mir. Und als nach vielfachem Publikumswunsch endlich der Song über ein Kaff in Niedersachsen beginnt, wird deutlich, wie begeisterungsfähig diese Meute doch ist: „Die Stadt hat die vereinbarten Raten zwar längst eingestellt, der Song ist aber einfach zu gut“. „Delmenhorst“ ist eine von sechs Zugaben, dieses Kommen und Gehen hat Tradition bei Element Of Crime, die mit „Weißes Papier“ oder „Blaulicht Und Zwielicht“ bereitwillig weitere Klassiker spielen und sich am Ende mit „Alten Resten Eine Chance“ angemessen zurückziehen. Da steht man nun, den leeren Becher in der Hand. Nicht mal Pfand drauf.

Die weiteren Tourtermine:
18.02.2011 Hildesheim, halle39
19.02.2011 Oldenburg, Weser-Ems-Halle 7
17.03.2011 Wien, Burgtheater (ausverkauft)
26.05.2011 Aarau (CH), Pferderennbahn
24.06.2011 Hamburg, Stadtpark
25.06.2011 Berlin, Zitadelle Spandau
26.06.2011 München, Tollwood

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum