Der Liedschatten (02): Dalida "Am Tag, Als Der Regen Kam"

Im letztwöchigen Beitrag wurde die Schwelgerei in Form des Quinnschen Schlagers „Die Gitarre und das Meer“ gegeißelt, und nein, sie wird nicht widerrufen, diese kleine Schmähung des plumpen Schlagers. Manchmal aber, da weht eine kleine Melodie, auf ihr schweben klobige, aber flauschige Worte, die man so nie in den Mund nehmen würde, und siehe, gerade wollte man sich noch abwenden, und nun kitzelt es am Gemüt… Das Gemüt! Hilfe! Ja, hat man denn so etwas, ein Gemüt? Darbt so etwas nicht normalerweise an Schrankwänden, räkelt es sich nicht in den Lachen des kleinbürgerlichen Wehmuts, unbeholfen, klebrig und wahrhaftig böse, weil ignorant und paranoid? Was also tun? Rasch eine gute, klug produzierte Postrockplatte auflegen oder sich einfach ergeben? Die Waffen des Intellekts strecken? Vor einem Schlager….?

Nein, ruhig Blut und hinfort mit der Sorge, die Lösung ist ganz einfach: was man nicht mag, ist ein plumper Schlager, was erfreut, wird einfach Couplet, Musette, Kabarettlied oder Chanson tituliert. Ein Fall, in dem dies Anwendung finden könnte, ist „Am Tag, als der Regen kam“ von Dalida.

Als erstes eilt uns hier der Komponist zur Hilfe, Gilbert Bécaud, Schöpfer zahlreicher Klassiker des Chanson. Und auch die Vortragende Yolanda Christina Gigliotti passt unter dem Namen Dalida wunderbar ins Bild der Chanteuse. Als solche ist sie eine Interpretin und hat dabei mehr von einer Schauspielerin als von einem ehrlichen, bodenständigen und emotionsdurchweichten Schlagermenschen.

Bei beiden gibt es Fehltritte nur in wirtschaftlicher, nicht künstlerischer Hinsicht, einfach deswegen, weil es nie wirklich um das Künstlerische geht. Wer es wie Dalida schafft, Stevie Wonders Originalversion „I just Called To Say To Love You“ geschmackvoll erscheinen zu lassen (sie coverte den Song in französischer Sprache und mit viel Erfolg), dem mag man zwar nicht ruhigen Gewissens wohlgesonnen zu sein, aber ihr Nimbus ist merkwürdigerweise eben doch ein anderer als bei einer „volkstümlichen“ Schlagersängerin. Bei einer solchen ist die „Natürlichkeit“ professionell, bei einer Chanteuse aber ist Professionalität natürlich. Und obendrein ist auch ihr Leben nicht arm an der nach Klischee für eine solche zu erwartende Dramatik: die junge „Miss Ägypten“ begab sich 1954 von Kairo nach Frankreich, um eine Schauspielkarriere zu beginnen, heiratete den Mann, der ihr eine Karriere als Sängerin ermöglichte, verließ ihn für einen Maler, diesen wiederum für einen Sänger. Der erschoss sich aufgrund einer für Dalida ungünstigen Juryentscheidung im Rahmen eines Musikfestivals, woraufhin sie in eine psychische Krise stürzte und drei Jahre auf spiritueller Suche durch Indien reiste. Am Ende nahm sie selbst sich nach einem erfolgreichen, selbstfinanzierten Comeback 54jährig das Leben.

dalida

Doch zurück zum Stück: ursprünglich von Pierre Delanoë auf französisch getextet wirkt es auch in der deutschen Übertragung annehmbar, zumindest dann, wenn man weiß, worauf man sich einlässt, einen Chanson eben, und auch hier geht es um die Liebe, genauer gesagt, DIE Liebe, die aus der ach so schlimmen Einsamkeit errettet, und zwar an dem Tag, an dem der Regen kam. Und genau das ist der Kunstgriff: sie kam nicht wie der Regen nach der Dürre, nicht der Geliebte ist der Regen, sondern er kam eben am selben Tag wie dieser. Man denkt sich zwar: muss das sein, jetzt noch ein Geliebter, reicht das nicht eigentlich schon, ewig dürre Felder und dann der erlösende Guss? Bis dahin aber hat man zugehört, sich vom Arrangement ein wenig Aufmerksamkeit abtrotzen lassen und eine recht nette Zeit gehabt, kurzlebig und folgenlos. Um sie zu vergessen, bedarf es zwar gar keiner wunderbaren Postrock, Twee, Noise, Minimal, Psychedelic, Shoegaze oder sonst einer großartigen Popplatte, griffbereit sollte man sie aber dennoch stets haben. Sonst wird die Seele zur Schrankwand.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (02): Dalida „Am Tag, Als Der Regen Kam“”

  1. […] die Hits der 50er und auch sechziger Jahre, ein wenig spät. Freddy Quinn ist ein Österreicher, Dalida stammt aus Ägypten, und Bill Ramsey, um den es heute erstmalig gehen wird, aus Cincinatti in den […]

  2. […] Folge II des Liedschattens wurde versucht darzulegen, unter welchen Umständen man sich mit dem Gefallen am Schlager […]

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