Von Platte? Lambchop spielen “Is A Woman” in Hamburg

„Is A Woman“ war das Album Lambchops aus dem Jahre 2002, das reichlich Verwirrung um die damals in Deutschland noch unbekannte Band stiftete. Heute wissen mehr Leute, dass Lambchop keine Frau ist, sondern eine Gruppe aus ca. acht Musikern um Sänger Kurt Wagner. Denn erst mit „Is A Woman“ konnte sich die Band hierzulande etablieren und kehrt seither regelmäßig in deutsche Konzerthallen ein. Das taten sie auch schon kurz nach dem Release ihres als Klassiker geltenden Albums von 2002, nur leider war die Tour schon lange vorbei, als Lambchop den Höhepunkt ihrer Popularität in Mitteleuropa erreichten.

Ob das Grund genug ist, das gesamte Album in Original-Titelfolge ganze acht Jahre später in einer Tour durch Europa noch mal live zu spielen? Die Truppe hat auf jeden Fall Lust darauf und so kam es, dass sich die Sitzplätze des Kampnagels in Hamburg eines kalten Winterabends 2010 fast restlos füllten. Ein Sitzkonzert mit Musik, die von dem Gesang getragen und zurückhaltend instrumentiert ist – eine andächtige Stimmung, bei der jedes Husten und Rascheln zur Sünde wird, schien vorprogrammiert zu sein. Doch nicht mit Kurt Wagner. Dieser schaffte es, schon vor dem ersten Song die Stimmung aufzulockern und den Abend zwar bis kurz vor Ende ruhig, aber niemals im betretenen Sinn still werden zu lassen.

Als er mit seinen Musikern die Bühne betrat, fragte er erstmal ohne Mikrophon ins Publikum, welche Platte er denn spielen solle und bot tatsächlich zwei Schallplatten an, für die ein Plattenspieler bereitgestellt war. Nachdem er sich im Programmheft vergewissert hatte, dass heute Abend „Is A Woman“ an der Reihe war, legte er die Platte auf, woraufhin seine Musiker zu spielen und er wenig später – wie üblich sitzend – zu singen begannen. Einige Male wechselte der Frontmann, wie es sich gehört bei einem Plattenspieler, nach je ein paar Songs die Seiten der Schallplatten (es war eine Doppel-LP), ehe weitergespielt werden konnte. Ein Konzept, welches es Lambchop erleichterte, das Konzert nicht wie ein übliches mit einer normalen Aneinanderreihung von Einzelstücken zu gestalten, sondern – wie auf einem Album – Spannung über mehrere Songs aufrechtzuerhalten, ein Gesamtkunstwerk inszenieren zu können.

Dazu beitragen sollten auch die ausgeteilten Programmhefte, in denen die Lyrics zu den elf Songs des Albums abgedruckt waren. Schade nur, dass die Zuschauer diese mangels Licht während des Konzerts nicht lesen konnten. Die Texte konnte man auch vom Mund ihres Autoren nur undeutlich vernehmen, oft nuschelte Kurt Wagner oder hackte einzelne Wörter ab. Die Ausdruckskraft seiner Stimme in allen Ehren, aber es wäre schön gewesen, die Texte verstehen zu können. Verändert wurden die Songs gegenüber ihren Studioversionen kaum, weitestgehend hielten sich die Musiker an die Originale und schienen sich dabei blind und taub zu verstehen. Kein Wunder, sie hatten ja auch acht Jahre Zeit zu üben.

Nach der ersten Hälfte des Albums sorgte eine Einlage von Pianist Tony Crow für viele Lacher, als er so tat, als hätte er sich vertan, um welche Platte es an diesem Abend ginge und etwas über den wilden Westen und das Leben erzählte, bis er vom Protagonisten zurechtgewiesen und mit Hilfe des Programmhefts aus dem Publikum aufgeklärt wurde. Doch konnte er das noch toppen, als er nach den elf Stücken von „Is A Woman“ den Auftakt für mehrere Zugaben gab und sich dabei für einen kleinen Song über eine unangenehme Erfahrung mit einem Flughafengefängnis entschied – wieder scheinbar unabgesprochen und mit viel Gelächter honoriert. So viel Humor hätte man der sonst so ernsten und ruhigen Band vor dem Konzert kaum zugetraut.

War das Album „Is A Woman“, wie bereits erwähnt, von ruhigen Tönen und Gesang geprägt, so zeigten Lambchop in den Zugaben eine andere Seite, was in dem Song „Give It“ als vorletzte Zugabe seinen Höhepunkt fand. Kurt Wagner stand während dieses Stücks auf und legte, fast wie ein fanatischer Prediger in Rage – im besten Sinne -, eine unglaublich intensive Performance hin, die durch die endlich groß aufspielende Band unterstützt wurde. So intensive Vorträge kennt man sonst nur von Größen wie Nick Cave. Fast so, als müsse er sich erst beruhigen, verließ der Sänger samt Band kurz die Bühne um wenig später einen letzten, wieder ruhigen Song zum Abschied zu spielen. Fast schade, dass sie die Energie von Songs wie „Give It“ so lange bewusst zurückgehalten hatten. Aber dafür hatte man nun endlich „Is A Woman“ live gesehen. Das ist ja auch was.

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