Ebo TaylorLove and Death

„Wenn diese Wilden ihre Tänze in Begleitung einer Negertrommel und dämonischen Geschreies aufführen, wird das Gemüth des Menschenfreundes von Mitleid und Bedauern ergriffen, daß so viele Völkerschaften mit guten natürlichen Anlagen in der Gesittung noch so weit zurück sind“, schrieb ein Chronist im 19. Jahrhundert über die neueste lokale Attraktion: „Tellerlippen-Negerinnen“ und „Menschenfresser“ aus Afrika, von den Kolonialherren in der deutschen Heimat als Kuriosum in einer „Völkerschau“ stolz präsentiert. Rassismus als mitunter etwas gruseliges Freizeitvergnügen; verpackt unter dem Deckmantel der Erforschung afrikanischer Lebensart, die einzig allein der abscheulichen Demonstration der eigenen Überlegenheit galt.

Viel hat sich seitdem getan. Die „Herrenrasse“ verlor krachend zwei Kriege (worunter die Verantwortung zur Aufarbeitung der sklaverischen Kolonialgeschichte etwas verblasste), Anfangsverdachte von Rassismus werden inzwischen politisch korrekt geahndet und obwohl Angela Merkel „Multikulti“ erst kürzlich als integrative Sozialform für gescheitert erklärte, ist der Siegeszug der Globalisation nicht mehr aufzuhalten. Zwar deutet sich im kulturellen Sektor weiterhin keine Abnabelung von der anglo-amerikanischen Dominanz an, jedoch verlieren sukzessive andere Klangfarben den Nimbus der Obskurität. Vampire Weekend, Peter Gabriel, Yeasayer oder Buraka Som Sistema – afrikanische Gesänge und Rhythmen haben als Stilmittel inzwischen in der Popwelt keinen Seltenheitswert mehr. Gerade in der Vermischung mit westlich geprägten Melodien ist ein Gewohnheitseffekt zu beobachten, der bereits seit Jahrzehnten in der Jazz-Szene Normalzustand ist: Die Verbindung zwischen Jazz, Afrobeat, Funk und Weltmusik wird dort in ihrer natürlichen Offensichtlichkeit zelebriert.

Das neue Werk von Ebo Taylor schließt sich dort mit ein und gefällt sich im globalen Outfit. Bereits in den 60er Jahren etablierte der gebürtige Ghanaer den afrikanischen Highlife-Klang in England und war zusammen mit Fela Kuti, Tony Allen (Nigeria) und Mulatu Astatke (Äthiopien) einer der maßgeblichen Afrobeat-Begründer, die den musikalischen Dialog seit jeher einforderten. „Love And Death“ wurde entsprechend mit dem Berliner Afrobeat Academy eingespielt, was auch sicherlich den Strukturen der Vermarktbarkeit und Öffentlichkeit geschuldet ist. Ohne diese weltweiten Kontakte und die umsichtige Labelarbeit vor allem englischer Plattenfimen wären noch mehr afrikanische Aufnahmen der Öffentlichkeit unzugänglich. „Love And Death“ ist entsprechend auch eine Geschichte kulturökonomischer Abhängigkeiten, denn bislang hat es überraschenderweise noch kein einziges afrikanisches Label geschafft, weltweit zu agieren.

Mit satten Blechbläsern startet das Album. „Nga Nga“ groovt sich gehörig ein und ist dabei so anschmiegsam wie eine neugierige Perserkatze. Es klingt nach Sonnenuntergang, nach einem blutorangenen Feuerball, der glimmend vom Horizont verschluckt wird. Auf „African Woman“ geht’s schon perkussiver zu, wobei die Trommeln bedächtig, fast noch gemächlich auf einen Rhythmus insistieren, der erst zum Ende mit Cowbells und Rasseln Aufmerksamkeit einfordert. Die Neubearbeitung von „Love And Death“ überrascht mit ihrem wendigen Basslauf und einer subtilen Melancholie, die die dunkle, angenehme, aber auch sehr typische Stimme Ebo Taylors befällt und die Widersprüchlichkeit des Inhalts in Einklang zu bringen vermag.

Die restliche Distanz über ist seine Stimme hingegen eher von Unangestrengtheit geprägt, des Einfach-mal-machens. Denn während in der deutschen Politik noch über die Rente mit 67 diskutiert wird, musiziert Ebo auch mit fast 75 Jahren einfach weiter. Es ist diese Art von Unkompliziertheit, die beeindruckt – auch beim heimlichen Hit „Mizin“, der in fast plakativer Eindeutigkeit das ausstrahlt, was wohl die meisten mit afrikanischer Musik verbinden: Schieren Optimismus und Lebensfreude. Hier greifen alle Stereotypen – ein fröhlicher Shuffle, eine beschwingte Melodielinie und ein unbändiger Bewegungsdrang rollen diesen Song kreisend vorwärts. Und zwischendurch immer wieder: Funkige Instrumentals, kleine Häppchen zwischen Afrobeat und lässigen Blechbläsern, die wie befreit aufspielen und vermutlich nur eine Ahnung von dem vermitteln, was sie live auf der Bühne zu leisten imstande sind. Dazu immer wieder rastlose Rhythmen, die das Fundament bilden, auf dem hier alles gebaut ist. Es klappert, raschelt, klackt und ratscht an allen Enden. Und Anfängen. Zwischendurch wird die Nähe zum Jazz betont: Da flattern luftige, aber ziemlich demolierte Solo-Saxophone durch „Nga Nga“ und das flotte „Aborekyair Aba“; selbst „Obra“ (das beinahe karibisches Flair versprüht) wird von einer Gitarrenimprovisation flankiert, die stets aufpassen muss, nicht vom Rhythmus überrascht zu werden, der „Love And Death“ mit scheinbar mühelosem Schwung durchweg antreibt.

Ein wenig mag enttäuschen, dass es nur acht Songs auf dieses Album geschafft haben, die jedoch auf einer Spiellänge von 45 Minuten solide bis fiebrig und durchaus sehr zugänglich agieren, ohne in bloßen Ethnokitsch abzudriften und den Modus der Exotenschau erneut aufzugreifen, der auch den „Völkerschauen“ der Kolonialzeit inne war. Wer es hingegen lauter und progressiver mag, höre unbedingt in das noch ein wenig dringlichere Werk von Konono No.1, das im Frühjahr erschienen ist.

71

Label: Strut

Referenzen: Fela Kuti; Tony Allen; Joe Mensah, Mulatu Astatke; The Heliocentrics; Lloyd Miller, Hypnotic Brass Ensemble

Links: Myspace, Label

VÖ: 22.10.2010

Ein Kommentar zu “Rezension: Ebo Taylor – Love And Death”

  1. david sagt:

    haarsträubende einleitung…

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