Marnie SternMarnie Stern

In den letzten Jahren erlebte aus diversen Gründen – unter anderem durch seinen Einsatz in höchst unterschiedlichen Fernsehserien – der olle Journey-Klopper „Don’t Stop Believin’“ eine mehrfache Renaissance, sowohl im Original wie als Cover. Wobei im letzteren Fall nahezu alle Bemühungen überflüssig waren, sie verblassten neben der Interpretation von Marnie Stern, die noch mehr Glaubwürdigkeit in den hoffnungsvollen Refrain des Songs investierte als die Band, die ihn einst in die Welt setzte.

Denn das war bisher der Sternsche Weg: introspektiv die eigenen Malaisen betrachten, anstatt von Wehklagen sich optimistisch nach außen wenden, mit einem sich selbst und alle Zuhörenden anfeuernden Schub graue Wolken beiseite blasen. Wäre das Leben ein Boxkampf, man würde sich Stern in der Ringecke wünschen: „I’m a contender / Never surrender.“ „Are you ready, to feel alive?“ „Grabbing victory out of the jaws of defeat.“ Auf ihrem dritten Album jedoch gewährt sie, dem Eigennamen-Titel getreu, Blicke nach innen, lamentiert „I miss your smile / Sadness all the while“auf dem eröffnenden „For Ash“ in Gedenken an einen Ex-Freund der Selbstmord beging, singt „It’s not enough / I’m not enough“ und „How can I explain the cold I’m feeling since you left me. You were the love of my life. There isn’t a fairy tale ending.“

Natürlich in der ihr höchst eigenen Form von Popmusik, in der sie mit Schichten aus schnellen Fingeranschlägen und breiten Powerchords regenbogenbunte Gitarrentexturen aufbaut, die auf „Marnie Stern“ oft in Hiphop-ähnlich getragenen Rhythmen transportiert werden. Schon auf ihrem Debütalbum zeigte Stern mit ihrem wohl experimentellsten Stück „Patterns Of A Diamond Ceiling“, in dem sie abstrakte Gebilde Prokofjew-artig mit melodischen Mustern charakterisierte, dass sie Songs wie eine Leinwand für ihre Gedanken behandeln kann, und in Hella-Drummer Zach Hill hat sie den idealen Malerpartner gefunden.

So wie ihre steifen Gitarrenmuster in Repetition und Dichte zunehmend zu höheren Klangfarben in Popstrukturen anwachsen, wirkt Hills mathig-beschäftigtes Getrommel auf Mikroebene steif, verkopft. Gibt man aber erst mal den hoffnungslosen Versuch auf, sein genaues rhythmisches Muster herauszufinden, wird das ständige blecherne Klöppeln zu einer gerade durch ihre unberechenbare Fülle belebenden Konstante, da fällt dann auch nicht mal mehr auf wenn ein Song im 5/8-Takt ist. Es ist ein aufgeregter, aufregender Sound, in dem Sterns heller, mindestens gedoppelter Kopfgesang diesmal klarer in den Vordergrund wandert und die Melodieführung an sich reißt oder sich auch mal im manisch wippenden „Gimme“ mit „Whoo! Whoo!“s aus dem Hintergrund selbst anfeuert. Auch in „Her Confidence“, „Nothing Left“ oder „Cinco De Mayo“ bestimmt ein auf und ab wippender, stampfender Groove das Geschehen, ein Beatritt der den Stücken zwischen Tonleiterwettrennen etwas Hüftbewegung verleiht. Gänzlich abwesend ist das Schlagzeug im Finale, dessen herrlich ineinander verzahnte Riffs sanft gen Himmel greifen und eine halbe Stunde belebendes Getöse meditativ besiegeln.

80

Label: Souterrain Transmissions

Referenzen: Hella, Lightning Bolt, Deerhoof, Mary Timony, Steve Vai

Links: Myspace, Label

VÖ: 15.10.2010

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