Brian Eno hat alles erreicht. Er hat in jeder Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Ob mit Roxy Music, als Solo-Musiker, mit seinen Kollaborationen und nicht zuletzt als Produzent – eine faszinierendere Reihe als Bowies Berlin-Trilogie sucht man bis heute vergebens. Das ist die offensichtliche Komponente für die Verehrung Enos. Die zweite ist eher in der Psychologie zu verorten: Wie schafft es ein Mann, der kommerziell und vor allem künstlerisch seit nunmehr 30 Jahren in höchste Höhen emporsteigt, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren und dabei noch immer Musik abzuliefern, die wie selbstverständlich allem anderen überlegen und nahezu unangreifbar zu sein scheint? Auch wenn die von Eno zuletzt produzierten Alben (Coldplay, U2) zu bodenständig daherkommen, bleiben seine eigenen Ideen nach jahrzehntelanger Bestandsaufnahme extrem diskursiv und flink, so dass sie zu keinem Zeitpunkt zu fassen, geschweige denn aufrichtig zu analysieren sind.

Brian Eno gibt mit „Small Craft on a Milk Sea“, das er zusammen mit seinen Schützlingen Jon Hopkins und Leo Abrahams fabriziert hat, sein Debüt auf Warp. Ein längst überfälliger Zusammenschluss, schließlich stehen die beiden Namen seit jeher für prinzipiell grenzenlose Musik, die gleichzeitg in der Lage ist, eine breitere Masse anzusprechen. Vielleicht also sind die Erwartungen unter diesen Vorzeichen gar noch höher als normalerweise. Obgleich rein instrumental, ist „Small Craft on a Milk Sea“ verhältnismäßig songorientiert und wirkt durch seine vielen richtungsgebenden Stilwechsel auch für Neueinsteiger sehr zugänglich. Dass Eno, Hopkins und Abrahams sich bei den Aufnahmen auch von Soundtracks haben inspirieren lassen, wird vor allem zu Beginn und am Ende des Albums deutlich. Wie in einem perfekten Traum geben die warmen lynchesquen Klänge einen Rahmen vor: Bob wird getötet, Agent Cooper entkommt doch noch der schwarzen Hütte, in Twin Peaks und auch überall anders in der Welt ist Frieden eingekehrt.

Wäre da nicht der aufreibende Mittelteil. Es geht Schlag auf Schlag, wenn Eno in „Flint Of March“ und „Horse“ quälend schmerzende Nadelstiche setzt, die alles zeitweilig zu einem Albtraum in nie erahntem Ausmaß mutieren lassen und in „2 Forms Of Anger“ Gestalt annehmen. Als Herzstück des Albums fungiert es gleichsam als Vermittler zwischen tagträumerischer Gelassenheit des ersten und letzten Teils und der Impulsivität des Mittelteils. Ein Vermittler, der letztlich scheitern wird, zu erdrückend legt sich schon wenig später ein weicher Schleier der Verklärung über den „Milk Sea“. Mit „Slow Ice, Old Moon“ und „Lesser Heaven“ schlägt Eno die Brücke zu „Music For Airports“, mit dem er Ambient vor über 30 Jahren hoffähig gemacht hat. Ein Ausflug in die Vergangenheit, der eher störend als förderlich ist. Kurzzeitig geht die Ordnung, geht das Konzept verloren. Dass der Faden im Anschluss ohne Weiteres wieder aufgenommen werden kann, als wäre nichts geschehen, ist fast schon selbstverständlich. Und doch bleibt am Ende wie so oft der Eindruck: Nicht zu fassen, dieser Brian Eno.

71

Label: Warp

Referenzen: Boards Of Canada, Stars Of The Lid, John Cale, Can, Robert Fripp, Angelo Badalamenti, Nine Inch Nails

Links: Homepage, Label

VÖ: 29.10.2010

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