Cumbia Electrónica aus Argentinien: Chancha Via Circuito

Sie stehen immer da. Wenn nicht vor dem Kaufhof, dann vor Saturn oder eben Karstadt. Mit stoischer Ruhe ausgestattet und den üblichen bunten Requisiten und Utensilien, an denen man sie schon aus der Ferne erkennt. Ein Farbklecks mit Ponchos, wettergegerbten dunkelbraunen Gesichtern aus einer anderen Welt, die die ganze Geschichte von Kolonialisierung und Globalisierung in sich tragen. Eine Geschichte des Schmerzes, der Trauer, der Entbehrung, des Aufbruchs und des Neuanfangs. Vielleicht sogar ein bisschen das Märchen der Freiheit, die sie nur an den Hut bindet, der mit billigen Münzen gefüllt vor ihnen steht, während sie mit Inbrunst und völliger Überzeugung die immer gleichen Lieder wiederholen. Lieder aus ihrer Heimat, den Anden. Lieder, die bereits über Generationen in deutschen Fußgängerzonen gespielt werden und noch viel länger von ihren indigenen Ahnen in Südamerika.

Chancha Via Circuito alias Pedro Canale aus Argentinien bedient sich bei seiner Musik eben dieser traditionalistischen Musik, Cumbia genannt. Mit all ihrer Formsprache, dem gemäßigten Tempo, der spanischen Larmoyanz, den Flöten aus Rispenhirse, denen man durchaus auch ein gewisses, für europäische Ohren, esoterisches Flair nicht absprechen kann. Vor allem in Kolumbien hat dieser Stil Tradition und eine entsprechend flächendeckende Beliebtheit erreicht, die auch die Jugend mit einschließt, die sich aber so langsam auch an die Aktualisierung dieser Klänge begibt, was dann nicht selten in Tecno Cumbia endet.

Chancha Via Circuito – Cumbion de las aves

Chancha Via Circuito nimmt diese Vorlage gerne an und ergänzt  und verfeinert sie auf „Rio Arriba“ mit Beats, die zur keiner Zeit wirklich zeitgenössisch wirken, weil sie spröde, industriell und vielleicht auch etwas scharfkantig wirken. „Cumbión de las aves“ ist so ein Beispiel, das mit Redundanz und Flöte eindringlich und sehr exotisch voranmarschiert, kein Ziel vor Augen. Regenwald-Geräuschkulisse dann zwei Songs später, „Prima“ hingegen macht seinem Namen alle Ehre und verhallt fast metallisch in leeren Industriehallen. An der Temposchraube wird währenddessen kaum gedreht, so dass es beinahe gar nicht auffällt, dass sich unter all diese Cumbia Electronica auch ein Dub-Track mischt und ziemlich viele Remixe.

Jose Larralde – Quimey Neuquen (Chancha Via Circuito remix)

Den besten hat er direkt an den Anfang gestellt: José Larraldes „Quimey Neuquen“ überzeugt im Re-Work durch seine innere Traurigkeit, die den auffälligen, gebrochenen Gesang noch einmal aufwertet, so dass die klackernden organischen Rhythmen zurückstecken und dem Menschlichen, den Geschichten den Platz einräumen, den sie verdienen.

„Rio Arriba“ von Chancha Via Circuit ist leider nur in Argentinien erhältlich, aber an dieser Stelle komplett im Stream zu hören. Empfohlen sei euch der 45minütige Podcast auf xlr8r.

Link: Myspace | ZZK-Records

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