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Rezension: The Hundred In The Hands – The Hundred In The Hands

Rezension: The Hundred In The Hands - The Hundred In The HandsDressed In Dresden” war die erste Single – und der erste gemeinsame Song überhaupt – von The Hundred In The Hands, durch die nicht nur das britische Warp-Label auf das Duo aufmerksam wurde. Doch als erster Eindruck taugt das Stück mit seinen hämmernden, wechselnden Drumsounds und aneinander gereihten Stakkato-Akkorden nur bedingt, dermaßen clubwuchtig geht es auf dem Debütalbum der New Yorker selten zu.

Was sich daran allerdings ablesen lässt ist ihre Fähigkeit, vermeintliche Gegensätze popharmonisch zu vereinen: Verwundbare Vocals mit gefestigten Tanzbeats, funkelnde Disco mit kühlem Post-Punk, eingängige Songstrukturen mit kunstvoll zerfahrenen Texten über metropole Klaustrophobie, konfuse Tage und überdehnte Nächte. Dabei sind es eher gemeinsame Nenner, durch die Eleanore Everdell und Jason Friedman nicht nur kreativ zueinander fanden. Bei der letzten Tour von Friedmans vorherigem Projekt The Boggs entdeckten er und die Sängerin geteilte Interessen hinsichtlich Musik, Film, Fotos und Fanzines, welche die beiden mittlerweile auf ihrer Webseite u.a. durch Interviews dokumentieren, und merkten schließlich auch dass sie einander beim Komponieren und Texten bestens ergänzten.

Nach anfänglichen R&B-Überlegungen mutierte der Stil ihres selbstbetitelten Debütalbums zunehmend in Richtung von synthiger New-York-Disco Marke DFA und elegantem Dance-Punk früher Bloc Party, sinnvollerweise sorgten für den Feinschliff dann eben die DFA-Produzenten Eric Broucek und Jacques Renault sowie der britische Discopop-Magier Richard X. Doch obwohl nicht unwichtig, sind die anhand dieser Dynamiken üblichen Clubtauglichkeitsüberlegungen zweitranging, deutlich mehr ist “The Hundred In The Hands” auf Atmosphäre bedacht. Eine Atmosphäre, die zum Einen aus der Minimierung von Gitarren- und Bassflächen zugunsten glasklar herausgearbeiteter Synthflächen und elektronischer Akzentuierungen erwächst, zum Anderen von Everdells Worten und Stimme beschworen wird.

Eine gewisse Transparenz wohnt ihrer Indiepop-unspektakulären Stimme inne, ob sie verklärt in die Höhe geht oder mit einem leichten Raunen, manchmal gar an der Grenze zum Hauchen, geerdet ist, intensiviert wird diese Wirkung noch durch clevere Hall- und Dopplungseffekte. Die heben auch ihre faszinierenden Betonungen und Aussprache hervor, wie das verloren in den Raum schwebende “Awesome” in “Killing Time”, ihre Unwohlsein vermittelnd gestotterten Vokale im klaustrophobischen “Lovesick (Once Again)” oder die immer wieder in Erregung zur letzten Verssilbe erhobene Stimme in “Commotion”. Damit einhergehend verleihen Everdells unregelmäßig bemessene Verse den Texten Charakter, die oft aus Einzelbildern fragmentarische Erzählungen weben – nicht zufällig referenziert “Last City” Chris Markers “La Jetée“.

In Stücken wie “This Day”, in dem einzelne Silben überdehnt werden dass sie soviel Raum einnehmen wie zehn andere, oder dem das Ende einer Nacht ersehnenden “Dead Ending” (“Breathe In / Subway Trains / Silence Remains / Playback on Repeat”) spiegeln scheinchaotische Textanordnungen die halbwache Verwirrung ihrer Subjekte wider, Menschen die sich nachts in der funkelnden Großstadt und tagsüber in sich selbst verlieren (“Irritation / Expectation/ Bridge To Break / Still time to make it” in “Commotion”). Im durch harsch komprimierte Drums und miteinander fechtende Gitarren aggressiven “Gold Blood” verlieren die eindringlichen Worte gar jede Satzstruktur (“Uptight / Short breath / Loole Lies / Sex & death / 1, 2 / On the edge”), werden dafür von der peitschenden Dynamik der Musik getragen. Umso klarer erwacht die Handlung zum Leben, wenn Everdell nach dem Breakdown in “Pigeons” kohärent beschreibt, wie sich die Protagonistin mit Blick auf fliegende Tauben nach einer Flucht aus ihrem Wochenendallerlei (“Saturday comes, Sunday comes we go…”) sehnt.

Gerade nach Einbruch der Dämmerung entfaltet die funkelnde Melancholie von “The Hundred In The Hands” ihren Effekt, wohlsequenziert mischt das Album Mid- bis Downtempo-Sektionen mit flottem Upbeat – besonders eindrucksvoll im rastlos anziehenden Übergang von “Gold Blood” in “Dressed In Dresden” und “Last City” gegen Ende hin. Das anschließende Finale “The Beach” spielt sich aber in Zeitlupe ab, ist eine schmerzhafte Erinnerung die das Duo – wie sonst auch – wundervoll anzuhören im Hier und Jetzt spürbar werden lässt.

Wertung: 81

Label: Warp Records

Referenzen: The Rapture, Bloc Party, The Blow, Durutti Column, The Long Blondes

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 17.09.2010


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