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Rezension: Stella – Fukui

Rezension: Stella - Fukui

Stella waren schon immer irgendwie besonders. Grob aus dem Dunstkreis entsprungen, den man früher einmal Hamburger Schule nannte, markierten sie den Punkt, als man sich dort dem (deutschsprachigen Indie-)Rock abwandte und mehr und mehr auf elektronischen Pfaden wandelte. Dabei waren sie ihrer Zeit oftmals um einiges voraus und so zum Beispiel 1998 mit ihrer Debütsingle "O.K., Tomorrow I’ll Be Perfect." die ersten, die den in den letzten zehn Jahren wie kaum etwas sonst polarisierenden, neongrellen 80er New Wave wieder ins Spiel brachten. Stella verbanden Glamour und Diskurspop, Hedonismus und Politik mit explizit linken Inhalten. Zugehörig fühlten sie sich dabei nirgends so richtig, Andockpunkte gab es trotzdem reichlich, Egoexpress, Phantom/Ghost, Pantha du Prince um nur einmal die Bekanntesten zu nennen.

Mit "Fukui", ihrem ersten Album seit Ewigkeiten, übersetzen Stella diese Andersartigkeit nun in ein ästhetisches Konzept. Statt, wie sich das gewöhnlich für ein Comeback gehört, nostalgiebeseelt in alten Fotoalben zu schwelgen und die bewährte Emulsion aus Glamrock und modernen R’n'B  noch einmal aufzukochen, wagt man sich, mittlerweile eher Projekt als fest eingespielte Band, an den kompletten Neustart. Gängigen Pop-Strukturen traut man dabei genauso wenig wie allzu einfachen Deutungsansätzen, denn wo die Stücke sich meistens in einer seltsam Grauzone zwischen Song und Track bewegen, entziehen sich die von Elena Lange nahezu komplett auf japanisch eingesungenen Texte vorsichtshalber gleich komplett der Interpretation durch zumindest einen Großteil der Hörer. Die fremde Sprache wirkt dabei jedoch nicht als niedlicher Exotismus, sondern als von jeglichem kulturellem Balast befreites weiteres Instrument, das den Liedern ein unmittelbar menschliches Antlitz verleiht, sich aber weigert dieses auch mit Inhalt zu füllen. Lediglich das süßliche, aber im Albumkontext als schöner Kontrapunkt funktionierende, von Meeresrauschen begleitete Schlussstück ließe einige Assoziationen zu J-Pop und japanischem Schlager zu, jedoch ohne sich dabei in allzu großer Koketterie zu verlieren.

Es ist eine seltsame, abstrakte Mischung die Stella einem hier vorsetzen. Der Glitzer vergangener Tage ist einer nüchternen Seidenmatt-Lackierung gewichen. Die Tracks wirken experimentell und aufgeräumt zugleich. Dabei dürfte es zunächst einmal verwundern, dass Bassist Henrik Weber an den Arbeiten zum bei weitem elektronischsten Album der Band kaum noch beteiligt gewesen sein soll, denn an vielen Stellen wie dem düsteren Hintergrundwabern im dritten Stück vermeint man die romantisch-verregnete Atmosphäre der Pantha-Du-Prince-Alben direkt heraushören zu können. Auf "Fukui" werden Einflüsse elektronischer Experimentalmusik mit der kühlen Repetition von House und Minimal Techno zu einem eigentümlichen Future-Pop verarbeitet, zu dem die dazugehörige Bildersprache wohl erst noch erfunden werden muss. Bei all diesem nahezu wissenschaftlichen Eifer nehmen Stella sich aber glücklicherweise niemals selbst zu ernst, sondern überraschen immer wieder durch gekonnte Momente der Verwirrung. Da wären zum Beispiel diese stakkatohaft gesampleten Lacher, die dem sechsten Stück einen ganz und gar eigentümlichen Klimax verleihen. Da wäre aber auch das siebte Stück "You Can Do Me No Harm", das, als einziges zumindest teilweise englischsprachig und mit einigermaßen deutlichen Hip Hop-Reminiszenzen, noch am ehesten an die alten Stella erinnert. Für einige kurze Augenblicke klingt Elena Lange hier wie eine vielleicht noch bessere, aus einer seltsamen Parallelwelt entsprungene Missy Elliott.

Stella gelingt mit diesem Werk ein Neuanfang, so homogen wie vielseitig, so erwachsen wie verspielt, so herausfordernd wie schmeichelnd, dass man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch kaum vorstellen kann, wohin es einen mit diesem Album, mit dieser Band in Zukunft treiben soll. Eines steht jedoch bereits jetzt fest: Es dürfte in jedem Fall ein irgendwie besonderes Vergnügen werden.

Wertung: 75

Label: Snowhite / Cloudhill Records

Referenzen: Battles, Mouse On Mars, Pantha du Prince, efdemin, Four Tet, Kraftwerk, Neu!, Cluster, Von Spar, Fujiya & Miyagi

Links: MySpace

VÖ: 27.08.2010

 

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