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Das Tanzfestival: Dour 2010 (Teil 2)

Das Tanzfestival: Dour 2010 (Teil 2)Am Festival-Freitag warten Memoryhouse zu früher Stunde (14 Uhr) als Stellvertreter des abwesenden Owen Pallett auf. Chillwave. Was war das noch? Bald weiß man es und würde liebend gern zurück ins Bett. Sofern dieses denn vor der Bühne stehen würde. Das sind Töne zum reinkuscheln. Um aus dem zugegebenermaßen schönen Schlummer zu erwachen, gibt es direkt im Anschluss Los Campesinos!, draußen in der Sonne. Gewohnt beweglich und aktiv wirbelt das englische Kollektiv über die Bühne. Leider gehen mindestens drei Instrumente im ersten Viertel komplett im Brei-Klang des Mischpults unter. Mit dem Mischer bessert sich auch das Konzert, die Band findet zu gewohnter Stärke. Glockenspiel hier, Gitarrenfackel da, Zwischenschrei dort, so kennt und schätzt man sie. Es scheint aber zu früh zum Tanzen zu sein, es kommt kein Zug in die Masse, trotz stark aufspielender Jünglinge auf der Bühne.

Eine etwas unergiebige Mischung aus den Futureheads, Daedelus und Serena-Maneesh führt letztendlich in großer Erwartung zu den Antlers, mit der Empfehlung eines der stärksten Indie-Alben 2009. Was auf Platte im besten Sinne verkopft und aufwändig klingt, wird nun auf drei unscheinbare Mittzwanziger auf der Bühne heruntergebrochen und dabei noch besser. „Bear“ und „Two“, ohnehin schon Glanzlichter, erhalten zusätzlichen Schub. Kein Spuk von Schöngeistern, sondern reingewaschener Klang und eine Stimme, die berührt. Nach anfänglicher Leere im Zelt entwickelt sich das Konzert zum kleinen Siegeszug des Tages. Obwohl sich der Junge an der Gitarre vornehmlich hinter seinem Haar versteckt und unten die Pedale streichelt, ist das alles viel weniger Nerdtum als man sich hätte vorstellen können.

Nach der letzten DJ-Nacht wird Kraft gespart für Kalkbrenner, den man dann doch mal gesehen haben will. Parallelen zu Gui Boratto am Vortag sind vorhanden, aber Kalkbrenner ist wohl der größere Fisch im Techno-Teich. Der letzte Abend ist jedoch nicht zu schlagen. Und Kalkbrenner liebt es offensichtlich, sich darzustellen. Vier Boxen um sein Pult, alle auf ihn gerichtet, theatralische Gesten und ein vorgetäuschter Mac-Ausfall lassen seinen Kurs nicht steigen. „Sky And Sand“ zieht aber dennoch und lässt in der tanzbaren Version kaum Wünsche offen. Musikalisch ist da schlicht nichts auszusetzen, seine Popularität ist Kalkbrenner jedoch einen Schritt voraus und entlarvt ihn als waschechten Star.

Am dritten Tag sehen die Pläne wieder frühes Aufstehen vor, Rainbow Arabia bespielen die kleinste Bühne in einem der halboffenen Zelte. Das Wetter ist prächtig, die meisten liegen lieber in der Sonne oder im Essig. Die Dame auf der Bühne hat einen schlichten DJ im Rücken und erinnert an Michael Jackson in seinen späteren Jahren, agiler, aber nicht mit dem tänzerischen Talent. Dennoch macht ihr Räkeln und Herumtigern einen guten Eindruck und singen kann sie, wohingegen die Songs an sich vor allem von Beats leben, die für die flotten Schritte auf der Bühne sorgen. Der kurze Sprung zu Fucked Up nebenan ist ein Glückstreffer und echter Wachmacher. Verwirrt geht es zurück zum kleinen Zelt, wo mit Vorfreude The Middle East erwartet werden. Das vermeintlich schon aufgelöste Indiekollektiv hat ein Tier als Drummer. Herrlich seine Zurückhaltung bei den vorwiegend ruhigen Stücken. Es wirkt fast so, als müsste ihm jemand von hinten mit unsichtbaren Seilen die Arme ruhigstellen. Bei der Hochzeit von Country und Indie saß der Großteil der Band ganz sicher auf der Seite des Country und so darf sich der gedrungene Mann an den Prügeln nur bei der überragenden Hymne „Blood“ richtig austoben. Eine äußerst sympathische Band, die mit vielen Musikern ein sinniges, leichtes Mehrgängemenü zaubert. Zu Mayer Hawthorne bietet sich dann der Platz auf der Wiese doch am Besten an, der Abend plätschert etwas vor sich hin.

Spoon durchbrechen die Lethargie jedoch mit gewohnt knackigen Gitarren und mittlerweile doch zahlreichen Hits, die sie in wirksamer Abfolge aus dem Ärmel schütteln. Der auf die Bühne gerufene, selbsternannte „Stickman“ tanzt in merkwürdiger Manier über die Bühne und präsentiert etwas, das wie eine Wünschelrute anmutet. Der Vorteil der Zeltbühnen ist unverkennbar: Man ist den Bands für Festivalverhältnisse einfach sehr nah beim Dour. Das Pop überrascht als Lokalmatador musikalisch und macht trotz schaurig buntem Bühnenbild einen gänzlich unpeinlichen Eindruck. Für einen weiteren tollen Tanzabend soll Uffie gegen Zwölf den Weg bereiten, fällt jedoch komplett durch. Mehrere Male beschwert sie sich über zu wenig Resonanz, ihre DJs machen ihre Sache ganz gut, aber sobald Uffie selber loslegt, verpufft ihre auf grundlegende Triebe ausgelegte Offenheit wirkungslos. Selbst das junge Publikum scheint die Dame nicht recht ernst zu nehmen. Sie sich aber und daran scheitert sie. Danach kommt Breakbot, der dem Charme des Funk der 80er erlegen ist. Innerhalb von zehn Minuten ist das Zelt voll und tanzt ausgelassen zu diesen echten und kreativen Mixen aus Frankfreich, die seit einem Jahr bei Ed Banger erscheinen. Schnell wird klar, warum er von manchen als der aktuell beste Remix-Artist und DJ überhaupt angesehen wird. Seine überraschenden Songs nutzen sich auch in einem längeren Set nicht ab, immer wieder fliegen neue Schnippsel über die Plattenteller, durch die Boxen und direkt in die Beine der Tanzwütigen. Er ist das nächste Highlight hinterm Pult an diesem langen Wochenende. Folgerichtig kostet das aber auch Kraft. Bei Kissy Sell Out muss dann trotz ebenfalls einladendster Beats dem vorangegangenen Tribut gezollt werden.

Der Sonntag auf dem Dour will sich nicht so recht aus seiner Schale pellen, so findet man sich statt vor den Bühnen vor allem auf Wiesen wieder. Am frühen Abend locken jedoch Monotonix, die hier eindeutig von ihrem Live-Ruf profitieren. Da sitzt man auf dem staubigen Dielenboden und sieht verdutzt mit an, wie das Drumset nicht auf der Bühne sondern auf den Planken davor, quasi mitten im Publikum aufgestellt wird. Und wie man’s in den Wald ruft, schon bricht da vorne der Wahnsinn aus. Gut möglich, dass dies kein Einzelfall ist und viele hier genau das erwartet haben, dennoch ein ebenso ostentatives wie mitreißendes Bild, als Ami Shalev samt Drumset auf Händen getragen wird, mit zerfleddertem Leuchtregenschirm am Metallpfeiler hängt. Eine ganze Weile unterhält dieser Act auch mit solchen Bildern, allerdings siegt dann das ursprüngliche Vorhaben, sich auch etwas von Brother Ali anzuschauen. Der predigt wenige hundert Meter weiter den Frieden und zeigt, dass auch mit einigen Kilos dran noch einiges an Animation des Publikums möglich ist. Sein Mann für die Beats steht ihm da in nichts nach. Im Mittelpunkt stehen aber diese tollen Songs, glaubwürdige Stücke über Liebe und Verlust und Freundschaft, ohne großen Aufwand melodiös mit satten Beats in Szene gesetzt.

Da kann das Anti-Pop Consortium mit reichlich komplizierten Arrangements und gefühltem 32-Beat-Delay auf 40 Samples gleichzeitig nicht ganz mithalten, obwohl auch das seinen Reiz hat. Vielleicht einfach nicht am vierten Tag des Festivals, zu abendlicher Stunde. Die Briten Archie Bronson Outfit sind aus bisher ungeklärten Gründen ein Begriff und der nächste zufällige Glückstreffer. Bei ihrem wütenden, bisweilen psychedelischen Pop sehen ihre bunten Tuniken zwar schon komisch, aber verwirrend passend aus. Die Songs sind besser geworden, es kommt gut an. Und zum Ende ruft man mit dem Angebot, dafür ein Bandshirt gratis zu bekommen, Menschen auf die Bühne, um sich auszuziehen und zu tanzen. Prompt stehen zwei Typen da oben und sind mit dem nächsten Augenaufschlag splitternackt. Und die können tanzen. Ein Securitymitglied versucht einen der Tänzer von der Bühne zu holen, aber da ist nichts zu machen, das merkt auch der schnell. Wie in Trance turnen die Exhibitionisten in teilweise skurrilen, trashigen oder einfach guten Posen neben der Band und inszenieren den letzten Song zum großen Finale. Den Sänger hört man anschließend noch ein kleinlautes „Well, I had actually hoped for some more girls, but OK“ murmeln, dann wird das Zelt durchaus leicht bezirzt verlassen.

Devendra Banhart steht auf dem Plan. Um es kurz zu machen: Der ist nicht auf der Bühne, wo man ihn vermutete und damit soll es gut sein. Zum Abschluss also nochmal zur Hauptbühne, wo Calvin Harris wohl den Konsens-Headliner gibt. Und das gar nicht mal schlecht. Natürlich passt er mit seiner glattgebügelten Art und einer recht unspontanen Show nicht ganz zum restlichen Festival, aber musikalisch wissen seine Chartstürmer dank kompletter Bandbesetzung zu gefallen. Nur die Bässe sind etwas kräftig. Rechts neben uns überragt eine Gruppe tanzender Jugendlicher alle, auf Plastikregentonnen stehend, die Hinterste immer wieder nach vorn stellend, dann vorrückend, schlängeln sie sich tatsächlich bis vor die Bühne. Ein passendes Schlussbild für ein unglaublich vielfältiges, großes Festival. Die Abreise am nächsten Tag ist herrlich unkompliziert und beim Zwischenstop in Brüssel sind die ersten Menschen, denen begegnet wird, Deutsche, die uns auf unsere offensichtliche Orientierungslosigkeit ansprechen und uns spontan Pläne in die Hand drücken. Man versteht sich also doch in Belgien.


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Ein Kommentar zu “Das Tanzfestival: Dour 2010 (Teil 2)”

  1. Tobi sagt:

    hey, fands auch super… und das mit uffie kann ich nur bestätigen!

    ansonsten festivalhighlights: little dragon, moderat, memoryhouse, buraka som sistema

    vorallem moderat hat einen nur umgehauen… weltklasse!

    und danke nochmal für die tickets :)

    gruß Tobi

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