Konzertbericht: Jens Lekman in Berlin im Lido (11.08.)

„I’ll come running with a heart on fire.“

„Jens Lekman? Der ist doch total 2007!“ Diese leicht herablassende Antwort auf meine auf einer Party präsentierten Vorfreude lag mir noch im Ohr, als ich ein paar Tage später das – siehe da! – restlos ausverkaufte Konzert im Lido betrat.

The Blow, die einigen noch aus ihrer Zeit mit ‚The Microphones‘ bekannt sein dürfte, eröffnete den Abend. Hübsch war sie anzusehen, die Dance-Beats ganz nett, eingestreute Monologe zwischen den Gesangsparts gab es als auflockernden Teil ihrer Performance. Das Publikum ließ sich davon allerdings nicht all zu sehr beeindrucken. Mag es an der generellen musikalischen Differenz zwischen The Blow und Jens Lekman gelegen haben, oder auch am hohen Playback-Anteil ihrer Show – der überraschend euphorisch ausgefallene Schlussapplaus hätte durchaus eher die Freude über den baldigen Beginn von Jens Lekmans Set als die wirklichen Empfindungen über das The Blow-Konzert widerspiegeln können.

Er beginnt mit ‚Golden Key‘, einem neuen Song, benannt nach seinem langjährigen Glücksbringer und Markenzeichen, den neuerdings nicht nur er sondern auch die ganze Band um den Hals trägt. Es ist immer schwierig, mit einem komplett unbekannten Lied zu beginnen, doch ‚Golden Key‘ enthält so ziemlich alles, was Jens Lekman zu einem der interessantesten schwedischen Musiker dieser Zeit macht: Ein paar simpel gezupfte Gitarrenakkorde zu Beginn, ein gefühlvoller Gesang, ein paar Handclaps setzen ein, die Gitarre wird plötzlich funky, der Gesang unverschämt eingängig. Nach zwei Minuten fängt mindestens die Hälfte des Saals an zu tanzen, die Band setzt ein, und am Ende versteckt sich ein überraschender und cleverer Übergang zu ‚Opposite of Hallelujah‘, nachdem der ganze Saal jubelt. Was für ein gelungener Einstieg.

Die Band macht ihren Job gut, denn die Instrumente können eigene Akzente setzen, die sich zwar teilweise deutlich von der Instrumentierung der Albumversionen unterscheiden, deren Wirkung sie jedoch in nichts nachstehen. Während der ersten Hälfte des Konzerts sieht man ihm die schwierige Zeit, die er in den letzten drei Jahren durchlebt hat, nicht sofort an. Eine ausgiebige Tour nach Veröffentlichung seines letzten Albums ‚Night Falls Over Kortedala‘, dann komplette Kreativpause, Beziehungsende, der Umzug nach Australien. Im Jahr 2008 nicht ein einziger kreativer Output: „Some things you just go through. You don’t write about it, you don’t turn it into art because it can’t be turned into art. I didn’t write any songs that year because you can’t pour manure into an espresso machine and expect a cappucino to come out.“ schreibt er auf seiner Homepage über diese Zeit. Er fliegt zurück zum Haus seiner Eltern, zieht sich in den Raum zurück, in dem er aufwuchs. Heraus kommt, wie sollte es anders sein: ‚The end of the world is bigger than love‘, die Vorab-Single zur aktuellen Tour.

Zum richtigen Zeitpunkt beginnt dann der ruhigere und emotionalere Teil des Sets. ‚I remember every kiss‘ braucht eigentlich nur eine Gitarre und Jens Lekmans Stimme, um trotzdem noch viel intensiver zu wirken als die opulent orchestrierte Albumversion. ‚Oh you’re so silent Jens‘ ist nicht zufällig der Titel seines zweiten Albums geworden. Die dramatischeren Stücke wie besagtes ‚I remember every kiss‘, ‚You put your arms around me‘ oder ‚Black cab‘ stehen ihm besser, darüber können auch nicht die liebevoll einstudierten witzigen Mini-Choreographien hinwegtäuschen. Trotzdem ist das Finale grandios. Bei ‚A sweet summer’s night on Hammer Hill‘ und ‚Sipping on the sweet nectar‘ wird geswingt und getanzt. Die erste Zugabe (und mein persönliches Highlight) ist ‚A postcard to Nina‘, einem der sicherlich schönsten narrativen Songs, die ich kenne. In ihm beschreibt er, wie er beim Abendessen mit den Eltern von Nina vorgibt, eine Beziehung mit ihr zu haben, da sie sich nicht traut ihrem katholischen Vater ihre Homosexualität zu offenbaren. Er trägt die komplette Geschichte, die sich so oder ähnlich in Berlin abgespielt hat, in ausführlichen sieben Minuten mit unglaublich viel Witz und Charme vor. Das Publikum singt daraufhin zum ersten Mal im Chor mit und wiederholt später die letzte Zeile von ‚A pocketful of money‘ auch noch nach dem Erklingen des letzten Tones lange. „I’ll come running with a heart on fire. I’ll come running with a heart on fire‘.“ Das Konzert ist der gelungene Beweis, dass er bis zum nächsten Album auf dem richtigen Weg dorthin ist.

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